Frage: Herr Sörgel, die fünfmalige Eisschnelllauf-Olympiasiegerin Claudia Pechstein ist aufgrund auffälliger Blutwerte, genau gesagt: erhöhter Retikulozyten-Werte, ohne positive Dopingprobe für zwei Jahre gesperrt worden. Pechstein weist alle Dopingvorwürfe zurück und begründet die hohe Zahl von jungen Blutkörperchen, mit einem genetischen Defekt oder einer Krankheit. Welche Krankheit käme infrage?

Fritz Sörgel: Es gibt zwar eine Krankheit, die sich Reticulozytose nennt, aber es gibt keine Hinweise darauf, dass sie darunter leidet. Sie hat bis jetzt auch keine Daten vorgelegt, die auf diese Krankheit hinweisen.

Frage: Sie solle in der Anhörung vor der Disziplinarkommission des Eislauf-Weltverbands ISU auch gesagt haben, es liege an einem Infekt, an einer Grippe oder einem Nasenspray.

Sörgel: Das sind natürlich die üblichen Argumente, die man anbringt, wenn man beschuldigt wird. Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass ein Infekt so einen Einfluss hat, wenn sie zugleich wettkampffähig ist. Ich habe Probleme, das als Erklärung zu akzeptieren.

Frage: Professor Kiesewetter, Experte an der Berliner Klinik Charité, sagte gestern bei einer Pressekonferenz, die von Claudia Pechstein einberufen wurde, mit Retikulozyten-Werten könne man gar kein Blutdoping nachweisen.

Sörgel: Das ist leider komplett falsch. Denn ich kann sowohl ein Blut- als auch ein Epo-Doping ganz klar differenzieren. Man muss sich nur mal frühere Dopingfälle, im Radsport zum Beispiel, anschauen. Da kann man Eigenblutdoping, die entsprechenden Hämoglobin- und Retikulozytenwerte, genau analysieren. Wir haben in unserem Labor sehr viele Epo-Studien vorgenommen, wir wissen schon sehr genau, wie sich Retikulozyten verhalten.

Frage: Wie verhalten die sich denn bei einem Normalsterblichen, der nicht unter Dopingverdacht steht?

Bei Frau Pechstein gab es erhöhte Werte, die nicht ins normale Raster passen
Dopingforscher Fritz Sörgel

Sörgel: Da schwanken die Werte nicht ganz unerheblich, das ist schon richtig. Aber man darf nicht vergessen, dass es bei Frau Pechstein erhöhte Werte gab, die nicht ins normale Raster passen. Daran kommt man einfach nicht vorbei.

Frage: Claudia Pechstein hatte bei der Weltmeisterschaft 2009 drei Tage in Folge Werte um 3,4 Prozent. Der Grenzwert liegt bei 2,4 Prozent. Elf Tage später war der Wert auf 1,37 Prozent gesunken. Sind das noch normale Ausreißer?

Da fällt es schon schwer, eine normale Erklärung zu finden
Sörgel über Pechsteins Blutwerte

Sörgel: Da fällt es schon schwer, eine normale Erklärung zu finden, zumal der Wert dann ja so plötzlich wieder abfällt. Da macht man sich natürlich seine Gedanken.

Frage: Und welche Gedanken machen Sie sich?

Sörgel: Wenn zu einem Wettkampf die Werte so erhöht sind und wenn man die Physiologie des Blutes und des Epo kennt, dann kommt automatisch der Gedanke, ob da wirklich alles richtig läuft.

Frage: Zehn der vierzehn auffälligen Werte, die über dem Grenzwert lagen, wurden bei einem Weltcup oder bei einer Weltmeisterschaft gemessen. Zu viel des Zufalls?

Sörgel: Ja, das könnte man so sagen.

Frage: Professor Kiesewetter sagt allerdings, die gemessenen Werte seien für eine Frau völlig normal.

Sörgel: Wenn ich unsere und die Literaturwerte nehme, dann kann ich diese Aussage nicht bestätigen. Es gibt Normal- und Grenzwerte, und die gibt es, um genau solche Fälle zu differenzieren.

Frage: Ein Vorwurf von Claudia Pechstein und ihres Teams lautet, einige Proben seien in Labors analysiert worden, die gar nicht akkreditiert sind. Muss man deshalb die Werte per se anzweifeln?

Sörgel: In Industrieländern ist jedes Labor, das sich das notwendige Gerät leisten kann, auch einer Qualitätskontrolle unterworfen. Manchmal ist es sogar sehr gut, dass man ein Labor vor Ort nimmt, weil es dann keine Veränderungen der Probe durch den Transport geben kann. Aus meiner Sicht spricht nichts dagegen, dass man so ein Labor benützt. Aber natürlich muss ein Weltverband ein Labor, das er sich aussucht, vorher inspizieren.

Frage: Bei 14 Proben besteht der Verdacht, dass sie vertauscht worden sind, weil sie unterschiedliche Codes tragen. Mit dem Code wird der Name des Athleten anonymisiert. Für Professor Kiesewetter ist das Vertauschen ein Skandal. Bedeutet das nun, dass die ganze Messreihe in Frage gestellt ist?

Sörgel: In Laboren kommt das leider öfter vor. Beim Prozess vor dem Welt-Sportgerichtshof Cas wird dieser Punkt, denke ich, sehr genau geprüft. Für mich ist es ein ganz wesentlicher Punkt, dass sorgfältig geklärt wird, wie das passieren konnte. Wenn man so eine Veränderung vornimmt, muss man das in Anwesenheit eines Zeugen machen. Ich kann nur hoffen, dass es so gelaufen ist, wie es in einem vernünftigen Labor abläuft. Und dann ist auch eine Codeänderung kein Problem. Aber Sie haben Recht, eine gewisse Unsicherheit bleibt.

Frage: Ist es nicht ein Armutszeugnis, dass überhaupt so etwas passiert?

Sörgel: Kein Labor ist perfekt.