So ist das heute. Optimierungswahn an allen Ecken und Enden. Die optimale Kamera. Der günstigste Urlaub. Der beste Sex. Bei Kamera und Urlaub bekommt man die neuesten Angebote täglich von der Bild -Zeitung, www.billiger.de oder der Nachbarin aus dem Erdgeschoß untergeschoben, die besten Sexpraktiken von Frauenzeitschriften und Männermagazinen.

Nur: Wie oft braucht man eine neue Kamera? Ja, wollen täte man jeden Monat! Die neueste, optimalste Kamera, damit man gar nicht erst überlegen muss, ob es jetzt die richtige ist. Dass die Kamera bei weitem mehr kann (plakatgroße Poster von Opas Muttermal), als man mit ihr überhaupt jemals machen will (Schnappschüsse von Opas 80stem), ist nebensächlich. Hauptsache, es ist die Beste fürs Geld. Wenn man immer nach dem Optimum strebt, ist die Gefahr geringer, irgendwo zurückzubleiben, zu verlieren, nur Mittelmaß zu sein.

Natürlich ist das anstrengend. Aber noch anstrengender ist es, andauernd über die Schulter blicken zu müssen, ob man noch weit genug in Führung liegt. Nein, heutzutage ist man es gewohnt, das Beste zu kriegen. Man erwartet nicht weniger. In Umfragen - über deren Qualität sich trefflich streiten lässt - wird ja gern herausgefunden, dass wir immer unzufriedener mit unserem Sexleben sind.

In Wirklichkeit haben wir vermutlich den gleichen Sex wie seit Jahren, es haben sich nur die Vergleichswerte geändert. Die neuen Rahmenbedingungen lauten: Statt ein Mal pro Woche ein Mal pro Tag. Statt einem Orgasmus mehrere hintereinander. Statt schönem Sex bewusstseinserweiternder Sex. Darunter machen wir's einfach nicht mehr.

Bis in die 60er Jahre, in denen das mit der sexuellen Revolution losging, erfüllte man ohnehin nur seine ehelichen Pflichten. Da war allein das schon Abwechslung genug. Nach der sexuellen Revolution trieb man es einfach mit jedem. Das konnte zwar auch langweilig werden, aber man bemerkte es wenigstens erst viel später. Doch jetzt, wo allerorten die hohen Scheidungs- und Trennungsraten beklagt werden und jedem Paar, das sich trennt, insgeheim vorgeworfen wird, nicht genug an seiner Liebe "gearbeitet" zu haben, schwebt Fadesse im Sexleben wie ein Damoklesschwert über jeder Langzeitbeziehung.