Steuerverschwendung, eigenmächtige Funktionäre, Vetternwirtschaft und politische PR. Je tiefer man in diese Geschichte vordringt, desto dubioser wird sie. Dabei nahm das Ganze im November 2008 völlig harmlos seinen Lauf. Das Bundesinstitut für Sportwissenschaften (BISp) hatte gemeinsam mit dem Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) das Forschungsprojekt "Doping in Deutschland von 1950 bis heute" ausgeschrieben. Das Ziel: die Doping-Vergangenheit Deutschlands aufklären, in Ost wie West. 500.000 Euro Steuergeld wollte das Bundesinstitut spendieren, verteilt auf 36 Monate.

Doch kurz bevor das Geld im März vergeben werden sollte, kritisierten Doping-Experten das Projekt auf ZEIT ONLINE als "wissenschaftlich drittklassig" und wenig glaubwürdig. So sagte der Sportsoziologe Karl-Heinrich Bette, der seit Jahrzehnten an den gesellschaftlichen Strukturen, die Doping begünstigen forscht: In der "sehr merkwürdigen" Ausschreibung seien zu viele Interessen vermischt. In einem einzigen Projekt die Doping-Vergangenheit von Leichtathletik, Rudern, Gewichtheben oder Fußball aufzuklären, sei schlichtweg unmöglich. Daraufhin wurde die Projektvergabe auf unbestimmte Zeit verschoben.

Jetzt werden die 500.000 Euro – kurz vor dem Start der Leichtathletik-WM in Berlin – doch noch vergeben. Dabei ist das, was in der Zwischenzeit abgelaufen ist, wissenschaftlich höchst fragwürdig. Gestandene Experten sind sich einig: Dieses Projekt dürfte so niemals vergeben werden.

Im Anschluss an die Kritik im März hatte das Bonner Bundesinstitut mehrere wissenschaftliche Gutachten zu den zwei eingegangenen Bewerbungen eingeholt. Mit niederschmetterndem Ergebnis. Die Bewertung der Bewerbungen sei durch die Bank "wirklich negativ" ausgefallen, heißt es aus dem Kreis der Gutachter.

Für das BISp blieben nach mehreren negativen Gutachten theoretisch nur zwei Möglichkeiten. Entweder es stampft das Projekt ein - oder es gibt den Bewerbern die Möglichkeit nachzubessern und legt die überarbeitete Version erneut den Gutachtern vor. Doch diese haben vom BISp seit ihrer ersten negativen Beurteilung nichts mehr gehört. Am heutigen Freitag nun hat das Bonner Institut die Forschungsaufträge vergeben.

Hat das BISp also einfach allein entschieden und sich über die Gutachten der Experten hinweggesetzt? Außerdem würde das BISp mit einer eigenmächtigen Entscheidung gegen alle wissenschaftlichen Regeln handeln, die Vergabe würde zur sportpolitischen PR entarten. Der zuständige Mitarbeiter des BISp, Carl Müller-Platz, möchte sich nicht äußern: "Ich kann nur sagen, dass wir die Bewerbungen mit aller Sorgfalt geprüft haben. Vergabeverfahren sind grundsätzlich nicht öffentlich, deshalb gibt es dazu nicht mehr zu sagen."

Die Professorin Ulrike Beisiegel ist Ombudsfrau der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), der größten Forschungsförderungsorganisation Europas mit Projekten von mehr als zwei Milliarden Euro jährlich. Beisiegel nennt den ihr geschilderten Ablauf der Projektvergabe bedenklich: "In diesem Bereich der Forschungsförderung wäre generell mehr Transparenz nötig", sagt Beisiegel. "Nach negativen Gutachten trotzdem zu fördern, ist definitiv keine gute wissenschaftliche Praxis."