Der entscheidende Hinweis beim tödlichen Raketenangriff auf den pakistanischen Taliban-Kommandeur Baitullah Mehsud am vergangenen Mittwoch soll aus Pakistan gekommen sein. Das würde bedeuten, dass Islamabad bei Angriffen auf pakistanischem Boden mit Washington zusammenarbeitet – obwohl die Regierung Raketenbeschüsse durch amerikanische Drohnen immer wieder als Verletzung der territorialen Souveränität kritisiert. Auch in der pakistanischen Bevölkerung gibt es durchaus Stimmen, die die Drohnen-Angriffe rechtfertigen – wie Aurangzeb Khan Zalmay. Der 22-Jährige stammt aus dem Distrikt Bannu iu der pakistanischen Nordwest-Grenzprovinz, die als Hochburg der Taliban gilt und in der auch Mehsud geboren wurde. Das Militär hat dort jüngst eine Offensive gestartet. Khan studiert Politik und Englische Literatur in Lahore in der Region Punjab und ist Präsident der Paschtunischen Studenten- Vereinigung Lahore. Er repräsentiert die liberalen Paschtunen, die die Taliban aus ihren Regionen vertreiben wollen. Mit ihm sprach Christine Möllhoff.

Herr Khan, nicht alle, aber die meisten Taliban sind wie Sie Paschtunen. Sind Sie ein Taliban?

Nein, ich bin kein Taliban. Wir Paschtunen sind friedliebende, säkulare Leute. Wir haben unsere Ehre, und unser Wort ist heilig. Wir respektieren Menschen anderer Sprache, Hautfarbe oder Religion, seien es Christen, Juden oder Hindus. Der Islam ist die Religion der Toleranz und des Friedens.

Die Taliban sehen das anders. Sie kämpfen mit Suizidbombern und Kugeln gegen "Ungläubige“.

Die Taliban sind grausame und töricht tapfere Leute, die von anderen als mörderische Werkzeuge missbraucht werden. Sie beschädigen den Namen des Islam und ebenso den Namen der Paschtunen. Pakistan wird von der mächtigen Provinz Punjab an der Grenze zu Indien regiert. Über Jahrzehnte haben die Regierungen die Grenzregionen zu Afghanistan vernachlässigt und den Menschen dort Bildung vorenthalten. Bildung ist der Schlüssel im Kampf gegen den Extremismus. Die meisten Taliban stammen aus armen Familien, denen keine andere Wahl bleibt, als ihre Kinder an Koranschulen zu schicken. Dort werden sie mit einer Missinterpretation des Islam in die Irre geführt. In diesem Sinne sind sie auch Opfer. Viele in Pakistan glauben weiter, dass Teile des Militärs die Taliban heimlich unterstützten, weil sie sie als kostenlose Schattenarmee gegen Indien ansehen.

Ihre Heimatregion gilt als Taliban-Land. Fast täglich schicken die Amerikaner unbemannte Drohnen in die Grenzprovinzen, um Taliban-Nester auszubomben. Haben Sie Angst um Ihre Familie?

Ja, ich habe Angst um meine Familie. Aber nicht wegen der Drohnen-Attacken. Ich habe Angst, dass sie Opfer in einem Schattenkrieg wird, den die Taliban und andere Mächte dort führen. Die Terroristen haben unsere Region okkupiert und sich dort eingenistet. Die normalen Menschen sind Opfer. Sie haben ihre Sicherheit, ihre Bildungschancen, ihre Arbeit verloren. Und unsere Werte, Traditionen und Kultur sind in Gefahr. Das ritterliche Volk der Paschtunen kämpft um sein Überleben. Wir brauchen Bildung und Aufbau in unseren Regionen. Als Paschtune appelliere ich an die Weltgemeinschaft, unser Volk vor der Auslöschung zu bewahren.