Unser Wahlkampf-Reporter Michael Schlieben ist auf Deutschlandreise (Route siehe unten). Nord, West, Süd, Ost – einmal rund durch die Republik geht es. Er twittert  und schreibt Reportagen. Lesen Sie heute seinen Bericht aus Mittelfranken:

Brennnesseln, Löwenzahn, überall wuchert Unkraut. Das Pförtnerhäuschen ist unbesetzt. Man kann unbehelligt auf dem Werksgelände herumspazieren. Vor einem alten Verwaltungsgebäude stehen einsam drei große rote Leuchtbuchstaben: AEG. Im Mai 2007 lief hier die letzte Waschmaschine vom Band. Das riesige Areal an der Straße zwischen Fürth und Nürnberg ist seither weitgehend verwaist.

Gegenüber auf der anderen Straßenseite steht ein gelber Klinkerkomplex. Ihm droht womöglich ein ähnliches Schicksal. Denn hier hat das Versandhaus Quelle ein großes Kaufhaus. Arcandor, der Mutterkonzern, der aus der KarstadtQuelle AG hervorging, meldete im Juni Insolvenz an, auch für Quelle. Drei Monate lang zahlt der Staat Insolvenzgeld, nur so lange sind die Löhne gesichert. Bis Mitte August muss ein Konzept vorliegen, ob und wie es weiter geht. 8000 Jobs in der Region – und 43.000 in ganz Deutschland – sind in Gefahr.

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Obwohl kaum Kundschaft im Quelle-Einkaufszentrum ist, geben sich die Verkäufer kurz angebunden. "Nicht so prickelnd" sei die Stimmung, sagt eine. Einige andere, fränkisch knapp: "Kein Kommentar." Irgendwo außerhalb dieses Warenkastens verhandeln Konzernchefs und Insolvenzverwalter gerade über ihre Zukunft.

Vor dem Kaufhaus: zwei Reisebüros, die mit dem Arcandor-Konzern verflochten sind. Unwillkürlich fragt man sich beim Vorbeigehen, ob die jetzt auch automatisch pleite sind. Die Reisefachverkäufer wissen es selbst nicht. Oder sie wollen es nicht sagen. Die kleine Kaufhaus-Tankstelle hat bereits geschlossen. Der Tankwart mistet aus. Er glaubt nicht, dass er noch einmal öffnen wird. War's das?

Auch die Verantwortlichen hüllen sich in Schweigen. Der Quelle-Betriebsrat ignorierte drei Wochen lang die Bitte um ein Gespräch. Selbst die Nürnberger Arbeitsagentur möchte derzeit keine Interviews geben. "Solange nicht, wie die Verhandlungen dauern", heißt es.

Ungewisse Zukunft: Quelle-Kaufhaus in Nürnberg © Michael Schlieben

Bei den einen herrscht Schockstarre, bei anderen Alarmismus. Eine "Katastrophe" wäre die Quelle-Pleite für die Region, sagt der örtliche Ver.di-Vertreter. Bayerns Umweltminister Markus Söder trommelte kürzlich: Quelle sei für Fürth so wichtig wie Opel für Rüsselsheim. Andere fränkische Politiker schlossen sich an und fordern ebenfalls staatliche Bürgschaften.

Allerdings nicht nur für Quelle. Schließlich gibt es an kriselnden Unternehmen in Mittelfranken keinen Mangel. Das Schaeffler-Werk ist nur zwanzig Kilometer entfernt. Von hier aus startete im Februar die berühmteste Krisen-Demo eines Unternehmens in Deutschland, einmal rund durch Herzogenaurach.