Unser Wahlkampf-Reporter Michael Schlieben ist auf Deutschlandreise (Route siehe unten). Nord, West, Süd, Ost – einmal rund durch die Republik geht es. Er bloggt, twittert – und schreibt Reportagen. Lesen Sie heute seinen Bericht aus Stuttgart:

Wie bitte? Was hat er gerade gesagt? Peinlich, was nun: Nichts anmerken lassen? Aber dann kann man keine Nachfragen stellen. Also, noch einmal: "Entschuldigung, könnten Sie das wiederholen?"

Der Ort: Das Rathaus in Stuttgart. Die Gesprächspartner: Der städtische Stab für Integrationspolitik. Eine Mitarbeiterin hat türkische Eltern, ihr Kollege kam aus Afghanistan in die baden-württembergische Landeshauptstadt. Beide sind perfekt zu verstehen. Der, dessen Sprache Verständigungsprobleme bereitet, ist ihr Abteilungsleiter: ein Schwabe.

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Sind die ersten Anlaufschwierigkeiten aber überwunden, stellt man fest, dass Stuttgart in der "Indegrationspolidig" nationale Spitze ist. Mit Preisen ausgezeichnet und von anderen Städten kopiert, hat die Stadt Anfang des Jahrzehnts ihr Ausländer-Konzept grundlegend reformiert. Zugezogene, so lernt man, werden hier nicht als Problem, sondern als dessen Lösung verstanden. "Stuttgart ist eine Einwanderungsstadt", sagt der Oberbürgermeister Wolfgang Schuster.

Dass Stuttgart in seine Migranten investiere, folgt einer kühlen schwäbischen Kalkulation: Schon heute ist jeder vierte Stuttgarter Ausländer, 40 Prozent haben einen Migrationshintergrund. In den Schulen liegt der Schnitt noch höher, bei 60 Prozent. Die Stadt hat nach Frankfurt den höchsten Ausländeranteil aller deutschen Großstädte.

Wen man in Stuttgart auch fragt, egal welche Nationalität oder Partei – das Integrationsmodell wird von allen begrüßt. Man müsse investieren, aufeinander zugehen, beidseitige Verantwortlichkeiten schaffen, heißt es. Seit der Oberbürgermeister dies zur Chefsache gemacht hat, die Stabsstelle Integrationspolitik direkt bei sich angesiedelt hat, erfahre ihre Arbeit eine ganze andere Wertschätzung, sagt Jama Maqsudi, der Herr aus Kabul, der seit Jahren in Stuttgart Integrationspolitik macht. Früher allerdings, sei es ihm vorgekommen, als habe "er einen Alibi-Posten". Erst jetzt nehme man seine Arbeit ernst.

Schräg gegenüber vom Rathaus steht ein kleines Redaktionsgebäude. Hier wird die Interkultur herausgegeben, eine monatliche Zeitschrift, die über Vereine und Feste der verschiedenen Migrantengruppen informiert. Eine Säule des Stuttgarter Konzeptes ist, das kulturelle Engagement der Communitys sichtbar und für andere zugänglich zu machen. "Orientalischer Tanztreff", "griechischer Seniorennachmittag" oder "Frauentreff in persischer Sprache". Alles klingt exotisch und gleichzeitig schwäbisch.

Svetlana Acevic, ist Redakteurin der Interkultur. Sie ist in Belgrad aufgewachsen. Dass Jugoslawien auseinander gefallen ist, habe sie "richtig durchgeschüttelt", sagt sie. Deshalb wolle sie mit ihrer Arbeit demonstrieren, dass "die Kultur kein Grund ist, an dem das Zusammenleben scheitern sollte".