Als Mr. und Mrs. Filippini dämmert, was an diesem 15. August 1969 auf sie zukommt, ist es zu spät. Die Anfahrtswege zu ihrer Farm in White Lake sind verstopft. So weit das Auge reicht, karren Menschen Zelte, Schlafsäcke und Decken heran und parken ihre Autos auf Weideland. Mister Filippini hat sich auf seine Veranda zurückgezogen, die Flinte auf dem Schoß. Im oberen Stockwerk ist ein Enkel auf Posten, soll Alarm schlagen, falls sich jemand dem Haus nähert.

Doch selbst wenn William Filippini früher begriffen hätte, was sich hinter der Ankündigung "An Aquarian Exposition – 3 Days of Peace & Music" verbarg, was hätte er schon ausrichten können? Er ist doch nur der Nachbar – der Nachbar von Max Yasgur, einem Milchmogul mit 240 Hektar Land und tausend Kühen, einem der reichsten Farmer der Gegend.

Yasgur geht als "Engel von Woodstock" in die Popgeschichte ein, sogar ein Lied wird ihm gewidmet (Yasgurs Farm), doch für seine Nachbarn ist er der Teufel. Er war schuld an alledem, er hatte seine weitläufigen Wiesen 100 Meilen nördlich von New York City für 57.000 Dollar an ein paar Geschäftsleute verpachtet. Wobei, nur zwei von denen schienen Banker zu sein, die anderen beiden sahen mit ihrem wild-lockigen Haar eher wie Drogenhändler aus.

Tatsächlich waren sie weder das eine noch das andere. Die vermeintlichen Banker heißen Joel Rosenman und John Roberts, sind Mitte 20 und Kinder aus reichem Hause. Beide langweilten sich bei der Aussicht, in die Kanzlei des Onkels einzusteigen. Sie wollten lieber was Aufregendes erleben. Also gaben sie eine Anzeige auf: "Junge Leute mit unbeschränktem Kapital suchen interessante, gesetzlich zulässige Geschäftsideen." Und weil sie sich an einem Tonstudio beteiligten, kamen sie in Kontakt mit dem Musikbusiness. So lernten sie Mike Lang und Artie Kornfeld kennen. "Wir gaben uns Mühe, wie Geschäftsleute auszusehen", erzählt Rosenman über das erste Zusammentreffen, "und sie gaben sich Mühe, wie Leute aus dem gerade angesagten Teil des Showgeschäfts auszusehen, das heißt eine Menge Fransen, eine Menge Jeans, eine Menge Wildleder und Cowboystiefel und einen ganzen Haufen Haare."

Mike Lang und Artie Kornfeld wollten auch ein Tonstudio aufziehen, draußen, in Woodstock. Das schien eine gute Idee zu sein, der kleine Ort in den Catskills war unter Musikern gerade ziemlich beliebt. Bob Dylan, Tim Hardin, Richie Havens oder The Band, die sich in dem traditionellen New Yorker Feriengebiet niedergelassen hatten, bräuchten dann nicht mehr in die Stadt zu fahren, um ihre Musik aufzunehmen. Außerdem besuchten ständig Stars wie Joan Baez, Jimi Hendrix und Janis Joplin die idyllische Künstlerkolonie. Aber woher sollte das Geld für ein Studio kommen?

Mike Lang hatte in Florida tatsächlich Drogen vertickt in seinem Esoterik-Shop, bevor er sich 1968 einen Namen mit dem von ihm veranstalteten Miami-Pop-Festival machte. Jimi Hendrix hatte er mit dem Helikopter auf der Bühne einschweben lassen, es regnete, und massenhaft gerieten gefälschte Tickets in Umlauf. Er war also gewarnt. Artie Kornfeld arbeitete als Plattenmanager für ein großes Label. Aber er fühlte sich überfordert und sah in Wuschelkopf Lang genau den richtigen Partner, um näher an den psychedelischen Untergrund heranzukommen.

So trafen die vier zusammen, Gescheiterte allesamt, die aussteigen und daraus Kapital schlagen wollten. Hätten sie an diesem 6. Februar 1969 in einem Appartement an der 85. Straße in Manhattan begriffen, was auf der Hand lag, dass sie nämlich eigentlich nicht dasselbe wollten, wäre es zu Woodstock nie gekommen. Aber nicht einmal das gelang ihnen. Lang und Kornfeld hofften auf ein Studio und ein geregeltes Einkommen, Roberts und Rosenman nicht, denn sie hatten ja schon beides. Doch sie sprangen auf Langs Kompromissvorschlag an, eine Art Einweihungsparty zu veranstalten, um Geld für ein Studio zu beschaffen – die Idee von Woodstock war geboren. "Was soll schon groß passieren, wenn man ein Konzert veranstaltet", sagte Roberts zum Abschied. Nachzulesen in dem wundervoll lakonischen Erinnerungsbuch Making Woodstock (Orange Press), das die Geschichte des Festivals aus Sicht derjenigen schildert, "die es bezahlt haben".

Die Suche nach einem geeigneten Ort gestaltete sich schwieriger als erwartet. In Saugerties nahe Woodstock wollte man sie nicht haben. In Wallkill, 30 Kilometer weiter südlich, bot sich dem angehenden Veranstalterquartett ein verlassener Industriepark an. "Schlechte Schwingungen", befand Lang, schickte aber trotzdem seine Leute vorbei, um das Areal herzurichten. Bäume wurden zu Statuen beschlagen, Steine bunt bemalt und der argwöhnischen Dorfbevölkerung der Eindruck vermittelt, es handle sich um eine Kunstmesse, auf der im Hintergrund Folkmusik gespielt werden würde. Doch die Anwohner bekamen Wind von den wahren Ausmaßen, und ein kommunaler Gebietsausschuss untersagte das Festival – einen Monat vor dem geplanten Beginn.

Dann kam Max Yasgur. Ob er dringend einen Batzen Schulden abbezahlen musste, wie Kornfeld zu wissen glaubt, und womit er auch die hohe Pacht erklärt, oder ob es einfach Yasgurs demokratischem Empfinden widerstrebte, dass Hippies nur wegen ihres auffälligen Äußeren verscheucht werden sollten, wie sein Sohn meint, sei dahingestellt. Der 49-Jährige steht jedenfalls zu seinem Wort. Auch als jemand ein Schild an die Zufahrtsstraße rammt: "Kauft nicht Yasgurs Milch, er liebt die Hippies."

Schon Tage vorher trudeln die ersten Besucher auf der Suche nach den besten Plätzen ein. Sie ahnen, dass es voll werden wird – vor einer Bühne, die 20 Meter breit und fünf Meter hoch ziemlich monströs ausfällt, allerdings noch gar nicht fertig ist. Roberts, der neben Rosenman für die Finanzen verantwortlich ist, sieht mit Schrecken: Tausende strömen unkontrolliert aufs Gelände.

Das Woodstock-Festival steht von Anfang an unter Druck. Es soll Geld einbringen. Dass es dennoch zum Hochamt der psychedelischen Gegenkultur wird, hat viele Gründe. So stützt sich die Organisation auf Personen und linke Zirkel, die jeder Geldgier unverdächtig sind. Mit der Hog-Farm wird sogar eine vagabundierende Landkommune aus New Mexico eingeflogen, die weiß, wie man in der Natur durchkommt – im Gegensatz zu den New Yorker Stadtkindern. Und mit Drogen kennt sich die 70-köpfige Gruppe auch aus. Drogen, vor allem die schlechten, sind die Hauptsorge der Veranstalter.

Seit dem Sgt. Peppers-Album der Beatles 1967 war es schick geworden, sein Bewusstsein mit Acid zu erweitern. Die populärsten Bands, von denen The Grateful Dead, Jefferson Airplane und Creedence Clearwater Revival für Woodstock engagiert werden, spielten eine zunehmend fahrige, psychedelische Rauschmusik. Die LSD-Kultur war in den Mainstream eingewandert. Und mit ihr die ganze Verwirrung, wie ein exotischer Lebensstil aussehen könnte in einem Land, das Krieg führt. Die USA kannten damals noch die Wehrpflicht. Viele Jugendliche mussten damit rechnen, nach Vietnam geschickt zu werden.

Vor allem aber verleiht die kommerzielle Inkompetenz der Veranstalter ihrem Festival den Nimbus des Underground. Roberts, Rosenman, Lang und Kornfeld wussten einfach nicht, dass sie ein Ventil für das Identifikationsbedürfnis einer Generation geschaffen hatten, die sich, von ihrer Heimat entfremdet, nach einem Ereignis sehnte, das sie mit dieser wieder versöhnen konnte.

Was angefangen hatte mit der Aufforderung "Geht doch mal drei Tage lang spazieren", wächst sich zwischen dem 15. und 18. August zum größten Massenereignis der jüngeren amerikanischen Geschichte aus. Eine Million Menschen pilgern ins Sullivan County. Binnen weniger Stunden sind sämtliche Zufahrtsstraßen blockiert, die Hälfte der Leute bleibt im Rückstau stecken.

Diejenigen, die das Festivalgelände erreichen, sehen sich einer Mischung aus Katastrophenszenario und Erweckungserlebnis ausgesetzt. Bereits vor dem ersten Ton, mit dem das Festival am Freitag, den 15. August 1969 um 17.07 Uhr beginnt, sind die 500.000 Hotdogs und Hamburger verzehrt, die als Verpflegung für Tage dienen sollten. Nachschub ist schwer zu beschaffen. Auch das Sicherheitskonzept ist zusammengebrochen. Zu viele Löcher im Zaun, zu viele Drogenverwirrte und nur ein paar Helfer. Es stellt sich ein "Gefühl von Gemeinschaft durch geteilte Konfusion" ein, wie es ein Teilnehmer beschreibt.

Auch die meisten Musiker schaffen es nicht rechtzeitig. Hinter den Kulissen wird improvisiert und ein baumlanger Schwarzer vor das Publikum geschubst, den kaum einer kennt: Richie Havens. Die Menge will, dass es endlich losgeht und einer kommt, der ihnen allen sagt, warum sie da sind. Havens ist sich nicht sicher, ob er das packt. Er hat nur einen Conga-Spieler und einen zweiten Gitarristen dabei, muss aber weiterspielen, um Zeit zu schinden. Havens schiebt mit Handsome Johnny seine Ballade vom Durchschnittsamerikaner hinterher, der nun "zu den Feldern von Vietnam" marschiert. Ein Stichwort, das das anwesende Peace-Kollektiv erstmals auf seine Rolle einschwört.

Havens Auftritt wird zu einem der bewegendsten Momente bei diesem musikalischen Marathon. Nach drei gerade so hingebogenen Beatles-Nummern ist er mit seinem Latein endgültig am Ende und fällt in ein langes Intro, das den Auftakt für sein eindringliches Freedom-Gebet bildet. Es sei ihm spontan eingefallen, sagt Havens später. Und eigentlich besteht es nur aus drei Sätzen. Dem Ausruf Freedom, der Bemerkung, dass er ein motherless child sei und a long, long way from my home zurückgelegt habe.

So spannt sich mit Havens der spirituelle Rahmen auf, der zur Bildung der "Woodstock Nation" führt. Welche Auftritte weitere musikalisch-ideelle Höhepunkte setzen, ist umstritten. Ob es Country Joe McDonalds Vietnampersiflage I-Feel-Like-I'm-Fixin'-To-Die Rag ist oder John Sebastians Younger Generation. Ob Going Up The Country von Canned Heat, das in seiner simplen Blues-Harmonik den Treck nach Woodstock noch einmal rechtfertigt. Oder doch Jimi Hendrix’ furioses Krachkapitel zum Schluss samt Star Spangled Banner, das aber in der Aufbruchsstimmung am Montagmorgen untergeht. Joan Baez, die den ersten Abend beschließt, wird jedenfalls sagen: "Woodstock, das war auch ich, Joan Baez, die Anständige, im sechsten Monat schwangere Ehefrau eines Wehrdienstverweigerers (im Knast), in ständiger Mission gegen den Krieg."

Während die Protestsängerin glaubt, an der größten Polit-Kundgebung teilzunehmen, die es seit Martin Luther Kings Marsch auf Washington gegeben hat, geht es nur noch "ums reine Überleben". Der politische Aktivismus wird von pragmatischeren Fragen aufgesogen. Studentenführer Abbie Hoffman legt seine Flugblätter beiseite und leitet das Sanitätszelt, die HippieKommunarden der Hog-Farm stellen die Verpflegung sicher. "Mir schwebt Frühstück ans Bett für 400.000 Leute vor", lautet der berühmte Weckruf ihres Wortführers Wavy Gravy. Seine "Please Force" hält auch als Ordnertruppe das aus dem Ruder gelaufene Massenereignis zusammen.

Mittendrin Max Yasgur, der besorgte Farmer mit Herzproblemen. Er stellt den Menschen, die sein Anwesen umlagern wie eine gestrandete Armee, kostenlos Wasser, Milch, Brot, Käse und Butter zur Verfügung. Und dann steht er plötzlich vor der Menge und sagt: "Ich bin ein einfacher Farmer. Ihr jungen Leute habt der Welt etwas bewiesen, eine Million Kids können zusammen drei Tage Spaß und Musik genießen, und zwar nur Spaß und Musik. Gott segne euch dafür."

Das ist die "offizielle" Anerkennung der "Woodstock Nation". Ins kollektive Gedächtnis ist sie ebenso eingegangen wie das No Rain! No Rain-Mantra, mit dem das Volk Woodstocks sich der Regengüsse zu erwehren versucht. Tatsächlich ist es bis heute ein Rätsel, dass bei einer so desaströsen Versorgungslage nicht Schlimmeres passiert ist. Nur drei Tote stehen in der Bilanz. Ein 17-Jähriger wird in seinem Schlafsack von einem Trecker überrollt. Man findet ihn bei den Aufräumarbeiten. Eine Überdosis Heroin und ein Blinddarmdurchbruch enden ebenfalls tödlich. Doch niemand wird durch Einwirkung von Gewalt verletzt. Dass die Situation nicht eskalierte, schreiben viele Chronisten dem hohen Drogenkonsum und dessen sedierender Wirkung zu. Befriedend wirkten sich überdies die zahlreichen Filmkameras aus. "Es macht dir doch nichts aus, auf einem Haufen Abfall zu hocken, wenn du weißt, dass du Geschichte machst". So drückt Hog-Farmer Wavy Gravy den Effekt medialer Hypnose aus.

Die Rockkritiker wanken mit Hendrix-Kakophonie in den Ohren an die Schreibmaschinen und münzen seine infernalische Version der amerikanischen Nationalhymne sofort in ein Bild intimer Widersprüchlichkeit um. "Endlich hörte man", schwärmt Al Aronowitz von der New York Post, "dass man sein Land lieben, aber seine Regierung hassen kann", und er bringt damit das ambivalente Verhältnis vieler Zeitgenossen zu ihrem gelobten Land auf den Punkt.

Es gibt Leute wie Pete Townsend von The Who, die Woodstock furchtbar finden, das Magazin Rolling Stone schwärmt von Woodstock als "Vorbild dafür, wie gut wir uns nach der Revolution fühlen werden". Und die Singer/Songwriterin Joni Mitchell, die es nicht mehr aufs Festivalgelände geschafft hat, träumt in einem New Yorker Apartment davon, wie sich Bomber in Schmetterlinge verwandeln, nur durch die Kraft von Woodstock. "All das beweist vor allem das enorme kollektive Bedürfnis der Hippies nach einem Mythos", folgert Frank Schäfer in seinem Buch Woodstock ’69: die Legende, "weil man aller Aufbruchsrhetorik zum Trotz insgeheim bereits ahnt und bald danach auch weiß, dass die eigene Zeit abgelaufen ist und man ein virtuelles Denkmal braucht, um sich zu vergewissern, dass sie Realität und es wert war, tradiert zu werden."

Für die Nachwelt hält vor allem der Film von Michael Wadleigh das Geschehen in seiner mythologischen Dimension fest. Cutter ist Martin Scorsese, der das Festival auf einer Plattform rechts neben der Bühne erlebt, wie er in der umfassenden Bilddokumentation Woodstock schreibt (Collection Rolf Heyne). In 20 Jahren spielt der Film 100 Millionen Dollar ein, weitere 100 Millionen erbringt das Album.

John Roberts hat wenig davon. Er braucht etwa genauso lange, um die 1,6 Millionen Dollar Schulden von Woodstock Ventures Inc. abzubezahlen. Zeitlebens – er stirbt 2001 – bleibt ihm in Erinnerung, wie er wenige Tage vor dem Festival das Angebot ausschlug, für 100.000 Dollar die Filmrechte zu erwerben.

Plattenrezensionen, Künstlerporträts und Netzradio rund um die Uhr gibt's auf zeit.de/musik "

Sie wollen auf dem Laufenden bleiben? Klicken Sie hier, und unser RSS-Newsletter bringt Ihnen die Musik direkt auf den Schirm.