Staatsanwalt ermittelt gegen Spitzenmanager Jos Hermens – Seite 1

Die Staatsanwaltschaft Magdeburg hat laut Spiegel zum zweiten Mal Ermittlungen gegen den Holländer Jos Hermens aufgenommen. Der einflussreichste Leichtathletik-Manager der Welt wird verdächtigt, zentrale Figur eines europaweiten Doping-Netzwerkes zu sein. Hermens behauptet auf Nachfrage von ZEIT ONLINE, von den erneuten Ermittlungen noch gar nichts zu wissen.

Wenig verschlüsselte Decknamen in E-Mails, dubiose Zahlungen an einen hochverdächtigen spanischen Arzt, vertauschte Medikamentenpackungen und Deals mit der Staatsgewalt – die Indizien gegen Hermens haben alles, was ein guter Kriminalfall braucht. Ende November 2006 zeigte Clemens Prokop, Präsident des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV), den früheren Spitzenläufer Hermens an. Dessen Agentur Global Sports Communication betreut weit über hundert Athleten aus zwei Dutzend Ländern. Darunter auch die äthiopischen Laufstars Haile Gebrselassie und Kenenisa Bekele. In Peking holten seine Athleten sechs Goldmedaillen, auch in Berlin gehören sie zu den Favoriten.

Die Anzeige gegen Hermens begründete der DLV damals mit dem Verdacht auf "Inverkehrbringen und Handel mit Arzneimitteln zu Doping-Zwecken im Sport". Prokop, gleichzeitig Leiter des bayerischen Amtsgerichtes Kehlheim, hatte gehofft, ein Doping-Netz zu entflechten. Hermens dagegen wisse dagegen bis heute nicht, warum er angezeigt wurde. Von den erneuten Ermittlungen erfahre er erst durch die Anfrage von ZEIT ONLINE.

Dass am Ende ein Ergebnis herauskommen wird, glaubt Hermens nicht: "Die Anzeige damals war reine Politik, Clemens Prokop hat sie kurz vor seiner Wiederwahl gestellt. Und warum kommt das jetzt, am Eröffnungstag der WM, wieder?" Drei Jahre habe er nichts von der Sache gehört. Gegenspieler Prokop, den Hermens ironisch "meinen lieben Freund Clemens" nennt, hat die Hoffnung auf Aufklärung aber noch nicht aufgegeben und ist sich sicher, dass Hermens sowie die ebenfalls angezeigten Ärzte Miguel Angel Pareita und Berend Nikkels schuldig sind.

Die Staatsanwaltschaft Magdeburg untersuchte die Angelegenheit von November 2006 bis Oktober 2008. Auf eine Sachstandsanfrage gab die Behörde bekannt: Das Verfahren wird an die spanischen Justizbehörden abgegeben; Gründe gab die zuständige Staatsanwältin Angelika Lux nicht an. Damals waren die Befürchtungen groß, dass das Verfahren im Sande verlaufen könnte. Auch Prokop zeigte sich enttäuscht über die Abgabe ins Ausland. Denn wie lange solch ein Verfahren in Spanien dauern kann, hat zuletzt der Fall Fuentes gezeigt, der noch lange nicht aufgeklärt ist.

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In Deutschland drohen Hermens nach dem Arzneimittelgesetz bis zu zehn Jahre Haft. Dafür muss ihm die Staatsanwaltschaft gewerbsmäßigen Handel mit Doping-Präparaten oder die gesundheitliche Gefährdung einer großen Zahl von Menschen nachweisen. Doch die Ermittlungen ziehen sich hin. Vergangenes Jahr hatten die deutschen Behörden das Verfahren an die spanische Justiz abgegeben. Jetzt also nehmen die Magdeburger erneut Ermittlungen auf. Vielleicht geht es diesmal schneller.

Weil nun erneut in Magdeburg ermittelt wird und dort zur Beschleunigung des Verfahrens gemäß Informationen des Spiegels auch das Justizministerium Sachsen-Anhalt eingeschaltet werden soll, könnten sich die Hoffnungen des DLV erfüllen, dass bislang ungehörte Zeugen vernommen werden. Zu diesen gehört vor allem der Magdeburger Trainer Thomas Springstein. Springstein war im Frühjahr 2006 nach einem Deal mit der Staatsanwaltschaft zu 16 Monaten auf Bewährung verurteilt worden. Der Trainer von Grit Breuer und Nils Schumann hatte Minderjährigen ohne deren Wissen Doping verabreicht. Dem DLV ging die Verurteilung von Springstein jedoch nicht weit genug. Wochenlang durchforsteten Prokop und DLV-Justiziarin Anne Jakob die Akten und reichten daraufhin eine Klage gegen die mutmaßlichen Hintermänner ein: Jos Hermens sowie die Sportärzte Miguel Angel Pareita aus Spanien und Berend Nikkels aus Holland.

Der Grund für die Anzeige: In dem Prozess vor gut drei Jahren waren viele Mails aufgetaucht, in denen sich Springstein bei Pareita und Nikkels nach neuesten Doping-Mitteln erkundigt und diese ihm über Jahre Tipps für deren Anwendung geben. Mehrmals fallen in diesen Mails auch die Namen "Jos" und "Hermann". Hermens arbeitete zu dieser Zeit bereits lange mit Springstein und dessen Athleten zusammen. Unter anderem zahlte er auch Rechnungen für Breuer und Schumann bei dem Madrider Arzt Pareita. Springstein könnte nach dem Abschluss seines Verfahrens nun theoretisch als Zeuge vorgeladen werden, um gegen Jos Hermens auszusagen.

Wenn man Hermens auf seine Verbindungen anspricht, wird seine Stimme lauter, sein gutes Deutsch ein wenig holländischer: "Ja, ich habe den spanischen Arzt Pareita gekannt. Aber was habe ich damit zu tun, wenn er etwas falsch macht? Nur weil ich mit ihm zusammen gearbeitet habe, heißt das doch noch lange nichts," sagte er bereits vor Monaten zu ZEIT ONLINE. Dass sein Name in E-Mails vorkommt, sei kein Beweis. "Mein Name kann überall stehen, dafür kann ich nichts. Leute wie Clemens Prokop kann ich nicht ernstnehmen", gibt er im Gespräch mit leicht erregter Stimme zu Protokoll. Dass vor einigen Jahren Athleten, die sich an Pareita wandten, erst einmal zu Jos Hermens und seiner Agentur "Global Sports Communication" weiter geschickt wurden, erwähnte er nicht. "Wenn ich morgens in den Spiegel schaue, kann ich das mit gutem Gewissen tun", behauptet Hermens.

Derweil drängt Prokop auf Aufklärung. "Mir ist kein Manager bekannt, der wegen der Organisation von Doping-Praktiken verurteilt wurde. Dabei müsste man doch hellhörig werden, wenn sich bei einem Manager die Dopingfälle häufen", sagt Prokop. Die Akte Hermens ist in jedem Fall eine Premiere für den Sport.