Frage: Herr Waltz, Sie sagen, die Rolle des SS-Manns Hans Landa sei eine Jahrhundertrolle. Was macht so viel Spaß an diesem zynischen Judenjäger?

Christoph Waltz: Vor allem die Fülle an Details. Ich bin wie ein grunzendes Trüffelschwein, das an die Leine gelegt wird und sich auf die Suche begibt. Dieser Film ist ein Schweineparadies. Die Trüffeln, die man als Schauspieler in Inglourious Basterds ausbuddeln kann, sind grandios. Man kann Details sammeln wie selten, und das beziehe ich durchaus auf alle Rollen in der dramatischen Literatur.

Frage: Hans Landa ist polyglott, gebildet, elegant, höflich, zynisch, genau. Wie sind Sie Landa geworden?

Waltz: Es gibt Schauspieler, die führen Korrespondenzen mit ihrer Figur. Ich tue das nicht. Ich habe etwas gegen die Mystifizierung der Schauspielerei. Der deutsche Begriff Schauspieler ist unglücklich, denn er bezieht sich zu sehr auf Schau, auf das Ergebnis. Im Englischen bin ich ein actor, ein Tuer, das bezieht sich auf den Vorgang der Arbeit selbst. Das Ergebnis überlasse ich dem Regisseur, denn was ich tue, geht noch durch viele Prozesse, zum Beispiel durch Schnitt, Musik und Lichtbestimmung.

Frage: Landa ist der Inbegriff der Eleganz in seiner SS-Uniform. Was macht so eine Uniform mit einem?

Waltz: Kleidung ist ja nicht nur dafür da, seine Blöße zu bedecken, sie ist immer Präsentation dessen, was man von sich hält, es ist eine bewusste Wahl. Wenn Sie bei diesem Interview Schwarzweiß tragen, ist das Ihre Art, sich mitzuteilen. Bei einer Uniform verhält es sich etwas anders, weil sie weniger Ausdruck dessen ist, was man von sich hält, als davon, wie man wahrgenommen wird. Sie präsentiert alles, was mit der Institution Militär verbunden ist.

Frage: Es ist oft die Rede von der Erotik der Uniform, speziell bei NS-Uniformen. Gefallen Sie sich in Uniform?

Waltz: Jede Uniform ist kleidsam, wenn sie gut geschneidert ist. Die SS-Uniformen machen da keine Ausnahme. Die k.u.k.-Uniformen waren noch etwas kleidsamer. Aber eine Uniform erfüllt auch eine banale Funktion. Warum waren die Engländer in den Napoleonischen Kriegen rot und die Franzosen blau? Damit sie einander in der Schlacht auseinanderhalten konnten.

Frage: Sprache spielt in Inglourious Basterds eine zentrale Rolle, es werden viele Sprachen gesprochen. Was bedeutet die Vielsprachigkeit von Hans Landa?

Waltz: Beim Turmbau zu Babel war die Vielsprachigkeit eine Strafe. Hans Landa ist einer, der sich dieser Strafe widersetzt; so gelingt es ihm vielleicht doch, in den oberen Etagen des Turmgebäudes zu tanzen. Quentin Tarantino hat Landa als "linguistisches Genie" bezeichnet. Aber Vielsprachigkeit ist erst ab zwanzig Sprachen genial. Bis dahin ist es Fleiß. Ich habe vor Jahren in der Tutanchamun-Ausstellung eine junge Frau beobachtet, die einem älteren Herrn Hieroglyphen vorlas, als wäre es Deutsch. Das war genial. Man kann auch mit einer einzigen Sprache genial umgehen, wenn man weiß, dass Sprache nicht nur Kommunikation ermöglicht, sondern performativen Charakter hat. Das Entstehen einer Wirklichkeit ist untrennbar mit Sprache verbunden. Verschiedene Sprachen dienen dazu, sich verschiedene Ebenen einer Realität zur Verfügung zu halten. Das ist Landas Kunst.

Frage: Auch Dialekte sind wichtig im Film. Hans Landa erkennt am Idiom der SS-Offiziere, woher sie kommen. Haben Sie noch viel an Ihrem Text korrigiert?

Waltz: Ich habe am Text kein Komma verändert. Wenn ich schon mal so einen Text bekomme, wäre ich saublöd, wenn ich ihn verändern würde. Was das Deutsche angeht, habe ich mir die Lizenz gegeben, den Text leicht nach Österreich zu verschieben. Es gibt da einen Hinweis, ganz am Anfang: "Was glauben Sie, warum Hitler mich aus meinen österreichischen Alpen geholt hat?" Das österreichische Idiom ist ja grammatikalisch oft etwas eigenwillig, und diese Eigenartigkeit kommt Tarantinos Originaltext sehr nahe – über eine gewisse Imperfektion. Der Österreicher verwendet eine leicht verschobene Syntax, und Quentins Englisch ist ähnlich, oft nicht ganz in der logischen Folge.