Der notorische Freitagsprediger von Teheran, Ayatollah Ahmed Chatami, hat seine eigenen Vorstellungen, wie man in Iran unliebsame Kritiker zum Schweigen bringt. Erst forderte er nach den Unruhen in der Hauptstadt die Todesstrafe für die führenden Köpfe der Opposition. Jetzt will er den Reformgeistlichen und Präsidentschaftskandidaten Mehdi Karroubi auspeitschen lassen.

"Nach der religiösen Lehre gilt, wenn jemand einen anderen eines Sexualverbrechens beschuldigt und dies nicht beweisen kann, dann soll er 80 Hiebe erhalten", eiferte der Kleriker in der Zeitung Kayhan, dem Sprachrohr des Obersten Religionsführers Ali Chamenei. Am gleichen Tag erschienen Geheimpolizisten in der Redaktion von Karroubis Zeitung Etemad Melli und erklärten das Blatt bis auf Weiteres für verboten.

Doch der 72-Jährige lässt sich nicht einschüchtern. Es sei eine Atmosphäre geschaffen worden, in der es niemand mehr wage, den Mund aufzumachen, erklärte der frühere Parlamentspräsident auf seiner Website. "Ich werde mich nicht zum Schweigen bringen lassen und über alles reden, was ich für notwendig halte." Er werde nur dann Ruhe geben, wenn alle Aspekte dieser Vorfälle untersucht und dem Volk die Wahrheit gesagt worden sei, fügte er hinzu.

Denn seit Karroubi letzte Woche dem Regime in seiner Zeitung vorgeworfen hatte, in den Gefängnissen seien junge Frauen und Männer brutal vergewaltigt worden, überbieten sich die Hardliner mit öffentlichen Attacken. Der Angegriffene dagegen legte am Wochenende mit neuen Einzelheiten nach. Demonstranten in dem inzwischen geschlossenen Polizeigefängnis Kahrizak seien genötigt worden, sich nackt auszuziehen, wie Tiere auf allen vieren herumzukriechen, während sich Wärter auf ihren Rücken setzten. Andere hätten sich in ihren Zellen nackt übereinander legen müssen – Schilderungen, die an die Bilder aus dem US-Gefängnis von Abu Ghraib im Irak erinnern. Wieder andere zwang man, "während sie gefoltert wurden, ihre Mütter zu verfluchen".

Das Regime, allen voran Parlamentspräsident Ali Laridschani, wies Karroubis Vorwürfe umgehend zurück. Eine Kommission von Abgeordneten habe die Haftbedingungen geprüft und keinerlei Anhaltspunkte für Sexualverbrechen gefunden.

Das sehen einzelne Mitglieder des Gremiums jedoch anders. "Während unseres Besuches im Evin-Gefängnis haben mehrere Häftlinge offen von sexuellen Misshandlungen gesprochen, auch wenn das Wort Vergewaltigung nicht ausdrücklich fiel", sagte ein Abgeordneter der oppositionellen Website roozonline.com. Andere erklärten, es sei ihnen untersagt worden, das Thema überhaupt öffentlich zu diskutieren. "Es gab nicht nur einen, sondern zahllose Fälle von Vergewaltigungen – leider stimmen die Berichte", bestätigte auch Majid Ansari, Vizepräsident unter Präsident Mohammed Chatami und führendes Mitglied der Vereinigung kämpfender Kleriker von Qom.

So zitierte die Los Angeles Times eine junge Frau, die eine Verwandte auf der Intensivstation des Teheraner Loghman-Hospitals besuchen wollte und dabei auf einen übel zugerichteten jungen Mann aufmerksam wurde. Sie half der überarbeiteten Krankenschwester, dem 19-Jährigen die Verbände zu wechseln und den Urinbeutel zu leeren. Alle Zähne seines Oberkiefers bis auf zwei waren ausgeschlagen, sämtliche Finger- und Fußnägel herausgerissen, seine Kopf war total entstellt, die Nieren arbeiteten nicht mehr und er hatte Verletzungen im Analbereich – ein Indiz, dass er vergewaltigt worden sei, habe ihr die Krankenschwester gesagt. Der Bewusstlose lebte noch einige Stunden. In der Nacht vom 16. zum 17. Juli starb er – acht Tage nach seiner Verhaftung.