Sie guckt tatsächlich auf ihren Busen. Ein kurzer prüfender Blick nach unten. Vor ihr im „Café Sybille“ sitzen ungefähr 40 Menschen. Die Frau auf dem Podium ist Vera Lengsfeld, ihre CDU-Direktkandidatin für den Bundestag. Obwohl, ganz so stimmt das nicht mehr. Seit einem Tag hängen Lengsfelds Wahlplakate an den Straßenlaternen in Friedrichshain und Kreuzberg und im Osten von Prenzlauer Berg, und seitdem ist sie: die Kandidatin mit dem Dekolleté. Und das nicht nur in den Berliner Innenstadtbezirken. Vera Lengsfeld und ihr Dekolleté wurden in der Tagesschau gezeigt und im japanischen Fernsehen, in brasilianischen und peruanischen Zeitungen. Das Deutsche Historische Museum hat nach einem Plakat für seine Sammlung gefragt.

Jetzt im Café in Friedrichshain trägt die 57-Jährige wieder ein tief ausgeschnittenes Kleid, an dem sie immer wieder herumzupft, als sei sie auf der Suche nach der richtigen Dekolleté-Tiefe, auf der Suche nach dem Maß zwischen „Ich stehe zu meiner Werbung“ und dem, was sie dem Publikum zumuten möchte.

Ihr Ortsverband hat eingeladen, gleich soll sie aus ihrer Autobiografie vorlesen. Drei Frauen sind da, sonst nur Männer, deren zugeknöpfte Hemden so ordentlich in ihren beigefarbenen Hosen stecken, dass die etwas zerzauste Vera Lengsfeld hier mit keinem Dekolleté der Welt richtig hinpasst. Wie sie überhaupt nirgends zu passen scheint.

Es ist ihr Ruf, zwischen den Stühlen zu sitzen, überall anzuecken: als Tochter eines überzeugten Stasi-Offiziers und als SED-Mitglied, als DDR-Oppositionelle im Pankower Friedenskreis, nach dem Mauerfall bei den Bündnisgrünen, die sie 1996 verließ, weil sie ihr zu PDS-freundlich wurden. Sie ging zur CDU und nahm ihr Bundestagsmandat mit, was ihr viele verübelten. Aber Vera Lengsfeld fürchtet so etwas nicht. Sie habe in ihrem Leben viel Ablehnung, aber noch mehr Zustimmung erfahren, sagt sie. „Das war schon in der DDR so.“ Das gebe ihr Kraft.

1988 ging sie mit einem selbst gemalten Plakat zur staatlich organisierten Liebknecht-Luxemburg-Demonstration in Berlin. „Jeder Bürger hat das Recht, seine Meinung frei und öffentlich zu äußern“, stand darauf – Artikel 27 der DDR-Verfassung. Auf dem Weg dorthin wurde sie verhaftet, kam wie rund 100 andere Demonstranten auch in die Haftanstalt Rummelsburg. Irgendwann begannen die Gefangenen zu singen. Erst Kinderlieder, dann das Partisanenlied „Spaniens Himmel breitet seine Sterne“. Aber das erste Lied, das hatte Vera Lengsfeld angestimmt.

Fotos aus jener Zeit zeigen eine zarte blonde Frau, blass mit schmalen Lippen und strengem Blick. An ihrer Seite ihr damaliger Mann. Dünn mit Nickelbrille und wild gewachsenem Bart. Da weiß sie noch nicht, dass er ihr Verräter ist.

Knud Wollenberger. Mathematiker, Lyriker und Hobby-Imker mit dänischem Pass. Sein Vater, ein bekannter Arzt, hatte eine Dänin geheiratet und war seiner kommunistischen Überzeugung wegen in die DDR gezogen. Sein Sohn durfte reisen.

Knud Wollenbergers Weltgewandtheit beeindruckt Vera Lengsfeld. Sie lernen sich an der Ostsee kennen, im Ferienlager der Akademie der Wissenschaften, an der beide arbeiteten.

Sie gehört 1981 zu den ersten Mitgliedern eines der ersten Friedenskreise der DDR. Sie organisiert Menschenrechts- und Umweltseminare. Sie fährt mit dem Trabi durch die Republik, um Unterschriften für den Ausstieg aus der Atomenergie zu sammeln.

Als sie ihr Berufsverbot erhält, ist sie gerade Lektorin. Ihr Mann zeigt ihr, wie man Bienen züchtet. 120 Wandervölker hat sie, den Honig kann sie für 15 DDR-Mark pro Kilogramm verkaufen.

1988, nach der Verhaftung, kommt sie von Rummelsburg ins Stasi-Gefängnis Hohenschönhausen, wo sie einen Monat lang eingesperrt bleibt, bevor man sie nach England abschiebt. Offiziell nennt sich die Aktion: Studienaufenthalt. Inoffiziell will man die Störerin loswerden. Lengsfeld hatte sich geweigert, in die BRD zu gehen – aus Angst aus ihrer Heimat ausgebürgert zu werden.

Dass Knud Wollenberger sie für die Stasi bespitzelt hat, erfährt sie 1991. Sie stellt ihn zur Rede. Er sagt, die DDR sei für ihn die Antwort auf Auschwitz gewesen. Als Sprössling einer jüdischen Familie hätte er alles getan, um diesen Staat zu erhalten. Da wird ihr schwarz vor Augen.

Sie sei auf schlimme Weise verraten worden, aber als Opfer habe sie sich nie gefühlt. Sie lässt sich scheiden und nimmt wieder ihren Mädchennamen an, zieht nach Thüringen, nach Sondershausen, ins Haus, das ihre Großeltern hinterlassen haben. Es steht leer. Genauso leer habe sie sich damals gefühlt, schreibt sie in ihrer Autobiografie. Sie stürzt sich in die Arbeit, saniert das Haus und den 1200 Quadratmeter großen Garten.

Ihrem Mann, der sich nach zehn Jahren bei ihr entschuldigt hat, hat sie verziehen. Er ist schwer krank, der jüngste ihrer drei Söhne pflegt ihn.

Irgendwie habe auch alles, was ihr passiert ist, immer etwas Gutes gehabt, sagt sie. „Zum Beispiel, dass ich aus der DDR nach Cambridge abgeschoben wurde. Das war mit die schönste Zeit in meinem Leben.“ Sie hat dort noch einmal studiert: Religionsphilosophie.

Und jetzt, im Jahr 20 nach der Wende, ist sie, die ehemalige Bürgerrechtlerin, gefragt wie lange nicht. Die Frau, die eines der bekanntesten Gesichter des Widerstandes gegen die SED-Diktatur war.

Und sie kämpft ja auch noch immer. Gegen die DDR. Gegen das Vergessen und vor allem gegen das Verklären, gegen die Nachfolgepartei der SED, die sich erst PDS nannte und nun Die Linke. Sie hat Bücher geschrieben, sie führt regelmäßig Schulklassen durch das Gefängnis Hohenschönhausen, und wenn die Sommerpause vorbei ist, wird sie in dem Doku-Stück „Staatssicherheiten“ am Potsdamer Theater wieder die Geschichte ihrer Verhaftung erzählen.

Neulich, auf einer anderen Wahlkampfveranstaltung, hat sie ein Mann gefragt: „Warum ist eine Frau wie Sie in der CDU?“ Das müsse ihm doch ein positives Bild der Partei vermitteln, sagt Vera Lengsfeld. Das verstaubte Bild der Partei treffe schon lange nicht mehr zu.

Trotzdem eckt sie auch immer wieder in der CDU an. Als sie 1991 in einer Bundestagsdebatte zum Zweiten Golfkrieg ihre Redezeit aus Protest mit demonstrativem Schweigen füllt – damals stand sie noch für die Grünen am Pult – erklingen aus der CDU/CSU-Fraktion Rufe: „Die soll sich untersuchen lassen!“ Und 2005 konnte sie sich für die Bundestagswahl in ihrer ehemaligen Thüringer Landesgruppe nicht als Direktkandidatin durchsetzen. Auf die Landesliste, über die sie zweimal in den Bundestag eingezogen war, wollte sie aber auch nicht mehr.

Nach 15 Jahren als Bundestagsabgeordnete hatte sie die Nase voll von der Politik – bis jetzt: Zurzeit steht sie wieder jeden Morgen um fünf Uhr auf. Sitzt oft bis abends in ihrer Pankower Wohnung am Computer und schreibt. Für ihren eigenen Wahl-Blog und die Blogger-Plattform „Die Achse des Guten“. Sie bezeichnet sich als Publizistin. Manchmal komme sie nur aus dem Haus, um mit ihrem Hund auszugehen. Und abends dann Wahlveranstaltungen, zwei, drei die Woche.

Dabei hat sie als Direktkandidatin keine Chance. Der Konkurrent im Wahlkreis Kreuzberg-Friedrichshain heißt Hans-Christian Ströbele von den Grünen, dem gehört die Gegend quasi. Und auf dem Kreuzberger Ökomarkt am Lausitzer Platz ist es passiert, dass der Marktleiter sie samt ihrer Flyer vertrieben hat.

Warum also tut sie sich das an? „Ich wurde gefragt“, sagt sie. „Das fand ich gut. Das ist doch ehrenhaft, wenn man gefragt wird.“ Sie hat „Ja“ gesagt und ist gleich wieder angeeckt. Das Busenplakat wurde von der Frauen-Union empört kommentiert und sogar der niedersächsische CDU-Ministerpräsident Christian Wulff hat es kritisiert. Für die nächsten Tage kündigt Lengsfeld das nächste Plakat an, wieder ein Hit soll es werden, aber diesmal ohne Haut.

Lengsfeld steht auf der CDU-Landesliste, an sechster Stelle. „Ich möchte im Kulturausschuss arbeiten.“ Da habe die CDU noch Nachholbedarf. Denn es gebe viele Schriftsteller und Künstler, die der CDU nahestehen. Aber die CDU sei eben nicht schick. Das wolle sie ändern.

Und dann erklärt sie, warum sie sich dafür einsetzt, dass die deutschen Atomkraftwerke weiterlaufen. Und, dass sie sich für die Haushaltskonsolidierung einsetzen will. „Ich bin mehr als skeptisch gegenüber irgendwelchen Rettungsschirmen für Branchen, die es versäumt haben, sich zu modernisieren.“ Die Menschen sollten stattdessen lieber steuerlich entlastet werden.

Im Café Sybille beginnt Vera Lengsfeld, aus ihrem Buch zu lesen. Mittlerweile braucht sie dazu eine Brille. Sie ist runder geworden, ihr Haar weniger blond und kürzer. Es scheint nie optimal zu liegen. Ihr Blick hat die Strenge nicht verloren. Aber manchmal wird dieser Blick schüchtern. Und manchmal kichert sie wie ein Teenager. Überhaupt haben ihre Bewegungen etwas mädchenhaft Sanftes. Wenn sie ihren Freunden vom Foto-Shooting im körperbetonten orangeroten Kleidchen erzählt zum Beispiel. Für die Zeitung „Bild am Sonntag“ hat sie ein echter Modefotograf in Szene gesetzt. „Welche Frau träumt nicht davon“, sagt sie, als verstehe sie die Aufregung nicht. Es sei Spaß gewesen und ein bisschen auch Trotz, wegen der Reaktionen auf ihr Busenplakat. Sie sagt: „Ich werde ja jetzt kein Model.“