Am Morgen des 7. April 1977, kurz nach neun Uhr, fallen in Karlsruhe Schüsse. Ein schweres Motorrad vom Typ Suzuki GS 750, auf dem zwei behelmte Personen sitzen, hat auf der Linkenheimer Landstraße rechts neben dem Dienstwagen von Generalbundesanwalt Siegfried Buback gestoppt. Der Soziusfahrer auf dem Motorrad legt mit einem halbautomatischen Gewehr auf den Wagen an und gibt mehr als 15 Schüsse ab. Buback und sein Fahrer Wolfgang Göbel sterben noch am Tatort, der auch im Wagen sitzende Polizeibeamte Georg Wurster erliegt am 13. April seinen Verletzungen. Am selben Tag bekennt sich für die Rote Armee Fraktion (RAF) ein "Kommando Ulrike Meinhof" zu dem Anschlag, der die Bundesrepublik schockt.

Auch heute noch, 32 Jahre danach, ist der dreifache Terroristenmord ein schmerzliches Thema. Denn es bleibt vieles unklar. Wer geschossen hat, ist noch immer nicht ermittelt. Nun hat sich offenbar der von Bubacks Sohn Michael schon lange gehegte Verdacht gegen die ehemalige RAF-Frau Verena Becker verstärkt. An Bekennerschreiben zum Anschlag von Karlsruhe wurden DNS-Spuren gefunden, die zumindest teilweise der Ex- Terroristin zuzuordnen sind.

Becker hatte zehn Umschläge angeleckt, wie die Kriminaltechniker des Bundeskriminalamts im Februar herausfanden. Außerdem entdeckte das Institut für forensische Genetik in Münster im Mai Spuren an den Schreiben selbst. Am Donnerstag hat die Polizei Beckers Wohnung durchsucht und Computer beschlagnahmt. Außerdem soll ihr Telefon überwacht worden sein. Eines der schrecklichsten Politverbrechen in der Geschichte der Bundesrepublik kommt möglicherweise doch noch der Aufklärung näher.

Wie kam es zu den neuen Ermittlungen?

Verena Becker und der RAF-Mann Günter Sonnenberg wurden am 2. Mai 1977 nach einer Schießerei in Singen (Baden- Württemberg) von der Polizei überwältigt. Ende 1977 verurteilte das Oberlandesgericht Stuttgart Becker wegen der Schüsse auf die Polizisten zu lebenslanger Haft – der Anschlag auf Buback war ausgeklammert. Das Verfahren gegen Becker in diesem Fall stellte die Bundesanwaltschaft 1980 ein. Als Täter wurden Günter Sonnenberg, Christian Klar, Knut Folkerts und Brigitte Mohnhaupt festgestellt. Sie erhielten, bis auf Sonnenberg, lebenslange Haft, auch wegen weiterer Anschläge. Gegen Sonnenberg wurde das Verfahren aus gesundheitlichen Gründen eingestellt, er hatte in Singen einen Kopfschuss erlitten.

Im November 1989 kam Becker frei, nachdem der damalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker sie begnadigt hatte. Erst im April 2008 nahm die Bundesanwaltschaft das Verfahren gegen Becker wieder auf. Der Verdacht lautet: Mittäterschaft bei der Ermordung Bubacks, seines Fahrers und des Polizisten. Der Wiederaufnahme des Verfahrens gegen Becker ging im Jahr 2007 eine kampagnenartige Kritik Michael Bubacks an den früheren Ermittlungen voraus. Buback stützte sich auf Informationen, die er vom Ex-RAF-Mitglied Jürgen Boock bekommen hatte. Boock belastete allerdings nicht Becker, sondern den ehemaligen RAF-Terroristen Stefan Wisniewski. Er soll der Todesschütze auf dem Motorrad gewesen sein. Die Bundesanwaltschaft begann Ermittlungen gegen Wisniewski, doch der Verdacht ließ sich nicht erhärten.

Dann geriet Becker ins Visier der Behörden. Obwohl bekannt wurde, dass Becker ebenfalls Wisniewski genannt hatte – als sie Anfang der 80er Jahre aus der Haft heraus mit dem Verfassungsschutz in Kontakt getreten war und viel über die RAF erzählte. Die geheimen Gespräche, denen damals keine neuen Ermittlungen folgten, wurden erst 2007 publik. Womöglich hatte Becker beim Verfassungsschutz Wisniewski als Mörder Bubacks genannt, um sich zu entlasten.