Als Angela Merkel am Montag vor die Presse tritt, ist es gut 19 Stunden her, dass die ersten Prognosen des Superwahlsonntags ihrer Partei eine herbe Schlappe vorhersagten. Während ihre Konkurrenten von der SPD, Parteichef Franz Müntefering und Kanzlerkandidat Frank Walter Steinmeier, in der vergangenen Nacht auf sämtlichen Kanälen dauerpräsent waren, war von Merkel nichts zu hören und nichts zu sehen.

Nun kann man es normal finden, dass Parteichefs die Erstinterpretation schlechter Ergebnisse lieber anderen überlassen. Man kann auch darauf hinweisen, dass Angela Merkel nach vergangenen Landtagswahlen stets erst am nächsten Mittag Stellung nahm.

Und doch: Dass Merkel nach einer solchen Wahlnacht wenige Wochen vor der Bundestagswahl einfach stundenlang in Deckung ging, ist schon ziemlich bezeichnend dafür, wie sie bisher diesen Wahlkampf geführt hat: so unauffällig wie möglich nämlich. Der Sachauseinandersetzung geht sie, so weit es geht, aus dem Weg, Angriffe des Koalitionspartners pariert sie mit höflichem Stillschweigen, und selbst im Straßenwahlkampf ist sie bisher kaum präsent. Die Merkel-Plakate hebt die Partei sich für später auf.

Dass das maue Ergebnis vom Sonntagabend – in zwei von drei Bundesländern verfehlte die Union ihr Wahlziel, eine schwarz-gelbe Koalition zu bilden – die Nervosität in der Union steigen lässt, war am Montagmorgen gleichwohl deutlich zu spüren. Als "profillos" kritisierte der Unionsmittelstandsvertreter Josef Schlarmann die eigene Kampagne. "Mehr Zuspitzung" und ein klares inhaltliches Profil verlangte die CSU, "mehr Leidenschaft" der Vorsitzende der Jungen Union, Philipp Mißfelder. Selbst ein politisches Schwergewicht wie der niedersächsische Ministerpräsident Christian Wulff sah sich zu der Warnung veranlasst, "im Schlafwagen" werde man das Bundestagswahlziel nicht erreichen.

Wer nun allerdings auf eine kontroverse Debatte in den Parteigremien gehofft hatte, wurde enttäuscht. Stattdessen schlossen die Ministerpräsidenten schnell die Reihen um die Kanzlerin. Eine Strategiedebatte dürfe es nun auf keinen Fall geben, ließen sie unisono verlauten. Selbst die schärfsten Kritiker vom Vorabend, wie eben der Wirtschaftsvertreter Schlarmann, hielten im Vorstand lieber den Mund.

Dass die Stimmung gleichwohl gedämpft war, ließ sich am ehesten noch an den Mienen ablesen. Mit langen Gesichtern standen die Wahlverlierer aus Thüringen und dem Saarland, Dieter Althaus und Peter Müller, neben der Kanzlerin auf der Bühne im Konrad-Adenauer-Haus. Auch die Mundwinkel der Chefin zeigten nach unten.

Zwei Dinge stellte Merkel klar: Einen schwarz-gelben Lagerwahlkampf will sie nicht führen, auch wenn sie sich erneut klar zu einer Regierung mit der FDP bekannte. Ob das deren Chef Guido Westerwelle ausreicht, der von Merkel am Montag einen eindeutigen Koalitionswahlkampf verlangte, sei dahingestellt. Auch auf die Frage, ob der Ton der Auseinandersetzung sich ändern werde, reagierte Merkel denkbar zurückhaltend. Sie werde weiter Argumente vorbringen, antwortete sie stattdessen. Im Übrigen erscheine ihr Aggressivität kaum das geeignete Mittel zu sein, um die noch unentschiedenen Wähler zu gewinnen.