Vor zwei Jahren wurde eine EU-weite Verordnung zur Sicherheit von Chemikalien erlassen. Abgekürzt mit "Reach", was für "Registrierung, Evaluierung und Autorisierung von chemischen Stoffen" steht, wird das Regelwerk gelegentlich auch als "Chemikalien-TÜV" bezeichnet. Es schreibt vor, dass neben neu entwickelten chemischen Verbindungen auch bereits seit Jahrzehnten benutzte Stoffe untersucht werden müssen, um Gefahren für Mensch und Umwelt zu erkennen.

Lange wurde um diese Verordnung gestritten, denn sie bedeutet für die Hersteller enorme Kosten. Nach Angaben der EU sind es 1,2 bis 2,4 Milliarden Euro. Doch das ist offenbar zu knapp kalkuliert. Die Kosten könnten bis zu sechsmal so hoch sein wie angenommen, vor allem deshalb weil die erforderlichen Tierversuche deutlich umfangreicher sein dürften als bisher vermutet. 20-mal so viele Lebewesen seien nötig, schreiben der Toxikologe Thomas Hartung von der Johns-Hopkins-Universität in Baltimore und die italienische Chemikerin Costanza Rovida im Fachmagazin Nature (Band 460, Seite 1080).

Die Reach-Verordnung zielt vor allem auf Chemikalien ab, die vor den achtziger Jahren entwickelt wurden. Nun sollen diese Substanzen schrittweise bis 2018 registriert und mögliche Schadwirkungen begutachtet werden. In diese Untersuchung können bereits vorhandene Analyseergebnisse einbezogen werden.

Denn auch früher wurden chemische und physikalische Eigenschaften wie Schmelztemperatur, Oberflächenspannung und pH-Wert bestimmt. Um die Wirkung auf Organismen zu ergründen, wurden auch damals schon Tierversuche gemacht. Da die Regeln heute strenger sind, werden in vielen Fällen weitere Studien nötig sein. Wie viele genau, darüber sind sich die Experten uneins.

Die Diskrepanz beginnt bereits bei der Anzahl der Substanzen, die von Reach begutachtet werden müssen: Darunter fallen alle Stoffe, die europaweit in Mengen von mehr als 1000 Kilogramm pro Jahr verkauft werden. Offiziellen Angaben der EU zufolge betrifft das 29.342 Chemikalien.

Hartung und Rovida vermuten aber, dass es wenigstens 68.000, vielleicht sogar mehr als 100.000 sind. Die drastische Zunahme begründen die Forscher mit dem Wachstum der EU auf mittlerweile 27 Mitgliedsstaaten – was mehr Hersteller ins Spiel bringt – und der parallel dazu steigenden Produktionsmenge in den einzelnen Firmen.

Mithilfe eines Computerprogramms berechneten sie, wie viele Tierversuche zusätzlich erforderlich seien, um die Reach-Kriterien zu erfüllen. "Wir haben dabei nur optimistische Verläufe berücksichtigt", schreiben Hartung und Rovida. Also eine minimale Anzahl von Tieren und keine zusätzlichen Tests, die durch unerwartete Ergebnisse vorheriger Versuche nötig werden könnten. Weiterhin hätten sie, wo immer es machbar erschien, alternative Ansätze einbezogen, die einen Tierversuch erübrigen. Dazu gehören etwa Computermodelle, die körperliche Auswirkungen bestimmter Substanzen am PC simulieren.