ZEIT ONLINE: Herr Buras, der polnische Präsident Lech Kaczynski hat in seiner heutigen Rede anlässlich des 70. Jahrestages des Kriegsbeginns den sowjetischen Mord an 15.000 polnischen Offizieren in Katyn 1940 mit dem Holocaust verglichen. Was halten Sie von diesem Vergleich?

Piotr Buras: Ich halte ihn für unangemessen und zwar sowohl aus inhaltlichen als auch aus pragmatischen Gründen. Man muss allerdings darauf hinweisen, dass Kaczynski nicht das Ausmaß der Verbrechen vergleichen wollte, sondern die Tatsache, dass die Polen sterben mussten weil sei Polen waren, und die Juden ermordet wurden weil sie Juden waren. Trotzdem lassen sich beide Sachverhalte nicht vergleichen. Denn die polnischen Offiziere wurden schließlich in erster Linie deswegen ermordet, weil sie die Elite des polnischen Volkes bildeten. Zudem ging Stalin mit anderen Gegnern, auch solchen im eigenen Land, nicht anders um. Ungeschickt finde ich den Vergleich aber vor allem auch wegen des Ortes und des Zeitpunktes. In historischen Seminaren kann man derartige Debatten vielleicht führen. Doch eine Rede zum 70. Jahrestag des Krieges ist auf keinen Fall der richtige Anlass für solche Erwägungen. Das kann nur missverstanden werden und lenkt außerdem leider davon ab, dass der polnische Regierungschef Donald Tusk in seiner Rede eine für mich viel wichtigere Botschaft gegeben hat: Nämlich dass die Polen die Erinnerung an ihre Geschichte, so wichtig sie ihnen ist, nicht als politische Waffe einsetzen sollten.

ZEIT ONLINE: Was könnte Herrn Kaczynski veranlasst haben, zu einem solchen Vergleich zu greifen, obwohl er doch mit negativen Reaktionen aus dem Ausland rechnen musste?

Buras: Man muss das in Zusammenhang sehen mit der Auseinandersetzung zwischen Polen und Russland über den Zweiten Weltkrieg in den vergangenen zwei Wochen. So ist von russischen Medien und Historikern der Vorwurf erhoben worden, nicht die Sowjetunion sondern Polen trage Mitverantwortung am Ausbruch des Zweiten Weltkrieges. Der Grund dafür ist, dass es 1934 einen Nicht-Angriffspakt zwischen Polen und Hitler-Deutschland gab. Dieser ist mit dem Hitler-Stalin-Pakt aber nicht zu vergleichen. Beispielsweise hat Polen einen gemeinsamen Angriffskrieg mit Deutschland gegen die Sowjetunion abgelehnt, obwohl Hitler dies angeboten hatte. Und dann hat Putin gestern in meiner Zeitung, der Gazeta Wyborcza, einen Brief veröffentlicht, in dem er zwar einerseits den Hitler-Stalin-Pakt als unmoralisch bezeichnet hat, andererseits aber das Massaker von Katyn mit dem Tod von 17.000 russischen Soldaten in polnischer Gefangenschaft 1920 verglichen hat. Dabei ist auch von russischen Historikern längst belegt worden, dass es sich in diesem Fall nicht um eine gezielte Ermordung handelte. Die russischen Soldaten starben an Krankheiten und nicht wie die polnischen Offiziere durch einen Schuss ins Genick. Auch diese Äußerungen könnten ein Grund dafür sein, warum Kaczynski sich zu diesem unangemessenen Vergleich verstiegen hat.