Samtig weich und tief ist die Stimme Frank Sinatras, den man in Europa und Amerika "The Voice" nennt. Wie muss einer klingen, den sie in Afrika "Die Stimme" nennen?

Auf jeden Fall anders. Die äthiopische Voice gehörte Tlahoun Gèssèssè. Beseelt und intensiv ist sie. Wandelbar, mal treibend, mal gelassen. Und, ja, unseren Ohren gewöhnungsbedürftig. Gèssèssè jammert, er schreit, er presst sich die Worte aus dem Leib. Dann wieder jauchzt er, lässt die Töne tanzen. Und auch wenn man kein Wort versteht, so weiß man doch, wovon er singt: Liebe. Gewonnene Liebe, verlassene Liebe, zurückgewonnene Liebe, wiederverlorene Liebe.

Gèssèssè verdankt den ehrenvollen Spitznamen nicht allein dem Klang seiner Stimme, dem raschen Auf und Ab der Töne, seinem euphorischen Timbre. Vielen galt er als Stimme Äthiopiens, weil er ihnen aus dem Herzen sang, weil er ihnen im von erst kolonialer Fremdbestimmung, dann kaiserlicher Herrschaft und schließlich sozialistischem Regime gebeutelten Land Halt gab. Und er verband die beiden größten Ethnien Äthiopiens. Sein Vater stammte aus der Gruppe der dominanten, christlichen Amharen, seine Mutter gehörte den Oromo an, der größten und moslemisch geprägten Ethnie des Landes.

Gèssèssè wurde zum ersten gesamtäthiopischen Star, er wird heute noch über ethnische und sprachliche Grenzen hinweg verehrt. Als er vor wenigen Monaten im Alter von 68 Jahren starb, unterbrachen die Radio- und Fernsehsender Äthiopiens ihr Programm. Am Tag seines Staatsbegräbnisses nahmen mehr als eine Million Menschen an einer Trauerfeier in Addis Abeba teil.

Bekannt wurde Gèssèssè in den Sechzigern, in den wild vibrierenden, goldenen Jahren der äthiopischen Tanzmusik. Damals galt Addis Abeba als afrikanische Antwort auf das swingende London. Das Nachtleben in "Swinging Addis" war wild, die Musik lebendig und experimentell. Traditionelle Stile flossen mit Rhythm 'n' Blues zusammen, mit Soul, Funk und freiem Jazz. Vor allem zwei Ensembles verschossen ein musikalisches Feuerwerk: Das Polizeiorchester und die Band aus Kaiser Haile Selassies kaiserlicher Garde. Da grummelten tiefe Bässe zu jauchzenden Bläsern, klirrten die Gitarren auf den dünnen Seiten – diese neuen Lieder waren modern in Instrumentierung, Arrangement und Groove, und traditionell äthiopisch in den Melodien und Stimmungen. Gèssèssè war ein Meister dieser neuen Mischung.

Es heißt, eine Aufführung der Theatergruppe Hager Fikir an seiner Schule habe ihn in jungen Jahren dazu getrieben, nach Addis Abeba abzuhauen. Zuerst verdingte er sich mit den Schauspielern, dann warb ihn die Band der kaiserlichen Garde an, da war er kaum zwanzig Jahre alt. Im Kaiserreich Haile Selassies durften Sänger nur öffentlich die Stimme erheben, wenn sie Mitglied einer Band waren – und Bands durften nur in offiziellen Institutionen gegründet werden. Gèssèssè also sang zunächst mit dem herrschaftlichen Sicherheitspersonal – und wurde mit ihm landesweit bekannt.