Sie kommen aus Afghanistan, aus Somalia und dem Irak. Aus Regionen, in denen ein Leben nicht viel zählt, in denen die Macht aus den Gewehrläufen stammt, in denen Hunger zum Alltag gehört und Menschenrechte ein Fremdwort ist. Sie haben viele gute Gründe, ihre Heimat zu verlassen. Sie, das sind die Hunderte Flüchtlinge, die versuchen, über das Mittelmeer und die Türkei nach Europa zu gelangen. Sie sind zum Streitfall innerhalb der Europäischen Union geworden.

Mit dem Schengener Abkommen haben die Mitgliedsländer sich verpflichtet, keine Flüchtlinge mehr in europäische Nachbarländer weiterreisen zu lassen. Gelangt beispielsweise ein Flüchtling über Polen nach Deutschland, dann können die Behörden ihn nach Polen abschieben.

Wer wie viele Flüchtlinge aufnimmt, darüber ist in der EU nun Streit ausgebrochen. Heute verhandelt die EU-Kommission in Brüssel über das Problem – eine schnelle Lösung ist nicht in Sicht.

Im vergangenen Jahr reisten 67.000 Flüchtlinge in die EU ein. Diese Migranten aus Afrika und Asien legen einen gefährlichen Weg nach Europa zurück. Viele erleiden Schiffbruch mit den kleinen Nussschalen, in denen sie über das Meer tuckern. Im März ertranken vor der libyschen Küste mehr als 600 Flüchtlinge.

Die Ertrinkenden werden selten genug gerettet: Fischer und Seeleute fahren häufig an den Menschen in Not vorbei. Sie fürchten eine Strafverfolgung, wenn sie die illegalen Einwanderer an Land bringen, teilte das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen (UNHCR) mit. In Italien beispielsweise müssen die Retter von Flüchtlingen mit einer Anklage als Schleuser rechnen.

Das türkische Container-Schiff Pinar nahm im April rund 140 Flüchtlinge auf. Doch als der Kapitän mit den Immigranten an Bord die italienische Insel Lampedusa anlief, verweigerte ihm die Regierung die Einfahrt in den Hafen. Auch Malta wollte die Flüchtlinge nicht aufzunehmen. Erst nach tagelangem Warten und internationalem Druck willigte die Regierung in Rom ein und erlaubte den Flüchtlingen an Land zu kommen.

Manchem Reeder war der Fall eine Lehre: Wer hilft, wird bestraft. Jeder zusätzliche Tag auf See kostet Tausende Euro. Auch deutsche Reeder sagen hinter vorgehaltener Hand, dass das Retten von Flüchtlingen ein gefährliches Unterfangen sei.

Fünf Flüchtlinge aus Eritrea erlebten im August, welche Auswirkung die sinkende Hilfsbereitschaft haben kann. Sie und 73 weitere Passagiere seien in einem Boot von Nordafrika aus in Richtung Italien aufgebrochen. Nach drei Tagen ging ihnen der Treibstoff aus. Die Menschen an Bord starben an Hunger und Durst. Etliche Schiffe seien an dem Boot vorbeigefahren, keines drehte bei, keine Besatzung holte Hilfe. Ein Fischerboot versorgte die Flüchtlinge zwar mit Brot und Wasser, verschwand dann aber einfach.

Und nicht nur auf hoher See kann es den Flüchtlingen schlecht ergehen. Die Behörden in Südeuropa sind überfordert. Vor allem Griechenland steht in der Kritik. Allein in der Hafenstadt Patras sollen 4000 Flüchtlinge ausharren – ihr Ziel ist Italien. In Griechenland liegt die Anerkennungsquote für Asylanten bei gerade mal bei einem Prozent, viele versuchen woanders ihr Glück.

Das UNHCR forderte die Regierung in Athen auf, mehr Lager zu errichten und die katastrophale Versorgung der Flüchtlinge zu verbessern. Das Frankfurter Verwaltungsgericht stellte sogar fest, dass die Asylverfahren in Griechenland nicht fair seien und nicht dem europäischen Recht entsprächen. Die Richter urteilten im Juli, dass ein irakischer Migrant nicht nach Griechenland abgeschoben werden dürfe, da ihm dort fundamentale verfahrensrechtliche Schutzmechanismen nicht gewährt, die medizinische Versorgung und Grundbedürfnisse nicht abgedeckt wurden.

Griechenland wehrt sich gegen die Kritik und verlangt von den anderen EU-Mitgliedern, dass die "Last der illegalen Zuwanderung" gerechter aufgeteilt werden. Auch Italiens Außenminister Franco Frattini schimpfte, dass die EU außer schönen Worten wenig zu bieten hätte. "Das ist ein gesamteuropäisches Problem", sagte er. Auch Spaniens und Zyperns Außenminister fordern in der Flüchtlingsfrage eine stärkere Solidarität in Europa.

Deutschland, Großbritannien, Österreich und Schweden lehnen eine verbindliche Quoten-Regelung jedoch ab. Österreichs Außenministerin, die konservative Hardlinerin Maria Fekter, betonte: "Man darf die Regelungen nicht so gestalten, dass sie Anreize bieten, dass noch mehr kommen."

Die Bundesregierung verteidigt ihre harte Haltung damit, dass auch niemand Deutschland geholfen habe, als in den 90er-Jahren Tausende vom Balkan in den Westen flohen. Zudem gehöre Deutschland zu den Staaten, die am meisten Flüchtlinge aufnähmen – 2008 hätten nur drei Länder mehr Menschen auf der Flucht Schutz gewährt. Im ersten Halbjahr 2009 wurden 12.454 Asylanträge in Deutschland gestellt.

Im Juli sagte Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble, dass den Mittelmeeranrainern stärker geholfen werden müsse. "Wir brauchen eine gemeinsame, stärkere und kohärentere Politik in Bezug auf Afrika", sagte er bei einem Treffen der EU-Innenminister in Schweden. Sie einigten sich darauf, dass alle 27 EU-Mitglieder sich gegenseitig helfen wollen. Zunächst sollen die Länder freiwillig Flüchtlinge von Malta übernehmen. Wenn das Modellprojekt erfolgreich verläuft, soll der Versuch auf andere Staaten ausgeweitet werden.

In Malta kamen im vergangenen Jahr allerdings nur 4331 Flüchtlinge an, in Italien waren es mehr als zehn Mal so viele. Die Forderung der südlichen Staaten nach mehr Solidarität, würde so nicht erfüllt, sagen italienische Politiker. Italien setzt nun auf direkte Abschiebung und bringt Flüchtlinge nach Libyen – von dort sollen sie in ihre Heimatländer zurückkehren.