13.500 Menschen sind in Mexikos Drogenkrieg seit 2006 umgekommen – und es ist kein Ende der Gewalt in Sicht. Täglich schlägt die Drogenmafia zu – am Wochenende in Navolato. Dort hatten sich Jugendliche wie jedes Wochenende an der Strandpromenade versammelt. Das Treffen endete in einem Blutbad. Unbekannte eröffneten aus einem vorbeifahrenden Auto das Feuer auf die Gruppe. Acht Menschen starben, darunter auch die 20-jährige Tochter eines örtlichen Polizeioffiziers.

Die Behörden fanden weder die Täter noch konnten sie das Motiv feststellen. Das Dossier wurde auf den Stapel "möglicher Zusammenhang mit Drogenkriminalität" abgelegt. Und wird dort vermutlich vor sich hin schimmeln. 90 Prozent aller Kriminalfälle in Mexiko werden nie aufgeklärt.

Im Bundesstaat Sinaloa, wo Navolato liegt, sind die Menschen ohnehin an solche Vorfälle gewöhnt, denn die nördliche Wüstenregion ist eine Hochburg diverser Kokainkartelle. Der Drogenhandel hat dort längst die Gesellschaft und den Staat derart durchdrungen, dass bei einer Erhebung der Vereinten Nationen die Mehrheit der Jugendlichen als Berufsziel "Drogenhändler" angaben. Kürzlich musste ein Polizeichef feststellen, dass selbst seine Familie von einem Kartell unterwandert ist: Bei einer Razzia in einem Drogennest stand ihm plötzlich seine Tochter gegenüber. Der Polizeichef erfuhr, dass sie die Geliebte des örtlichen Drogenbosses ist.

Entsprechend wenig Erfolg zeigt der von Mexikos Präsident Felipe Calderon ausgerufene Krieg gegen die Drogenmafia, trotz der seit drei Jahren andauernden Unterstützung der USA. Lässt Calderon die Armee an einem Ort aufmarschieren, taucht die Drogenszene ab und an unerwarteter Stelle wieder auf. So baute sie ihren Einfluss immer weiter aus, bislang war die Macht der Mafia auf den Norden sowie einige Punkte in Zentral- und Südmexiko beschränkt.

Arbeitslose und Minderjährige aus zerrütteten Familien werden als Dealer und Auftragskiller rekrutiert. Polizisten, Politiker und Staatsanwälte kaufen die Kartelle mit großzügigen Bestechungsgeldern, missliebige Journalisten und unbestechliche Beamte lassen sie ermorden.

Die Drogenkartelle sind den Sicherheitskräften bei der Ausrüstung und Bewaffnung weit überlegen. Die Bürger sind eingeschüchtert und schweigen lieber, als Beamte mit ungewisser Loyalität einzuschalten. Mexiko ist nach Ansicht einiger US-Sicherheitsexperten auf dem Weg zum "gescheiterten Staat". Doch daran hat der große Nachbar durchaus seinen Anteil. 
Mexiko war schon immer Haupt-Transitland für Schmuggelwaren in die USA.

In den Jahren der Prohibition war es der Alkohol, der aus Mexiko nach Kalifornien und dann nach ganz Nordamerika weitertransportiert wurde. Später folgte Marihuana, dann Kokain. Die Nachfrage in den USA ist unersättlich, die Gewinnspanne verlockend. Die Politiker drückten lange die Augen zu, und in Mexiko blieb es relativ ruhig. Dieser Stillhaltepakt ist Makulatur, seit die Partei der Institutionellen Revolution (PRI) im Jahr 2000 nach 70 Jahren an der Macht die Präsidentschaftswahlen verlor und gleichzeitig die kolumbianischen Kartelle in der Heimat unter Druck gerieten und zahlreiche Routen an die Mexikaner verloren.

Seither ist die Lage unübersichtlicher geworden. Die Kartelle bekriegen sich untereinander, sogar Elitesoldaten sind zu den Kartellen übergelaufen, Polizisten und Soldaten beschießen sich gegenseitig, wobei die eine Gruppe einen Drogentransport bewacht, den die andere auffliegen lassen will. Zudem ist Mexiko längst nicht mehr nur Transitland, sondern konsumiert immer mehr Drogen und ist ein Geldwäsche-Zentrum geworden.

Immer lauter melden sich daher Kritiker zu Wort, die Calderons militärischen Ansatz für zu einseitig halten. Mehr als die Hälfte der Mexikaner glauben inzwischen nicht mehr, dass der Krieg zu gewinnen ist. Darunter auch immer mehr Politiker. Vor Kurzem jedenfalls beschloss das Parlament still und heimlich die Straffreistellung des Besitzes von Kleinstmengen Drogen. Damit sollen die überfüllten Gefängnisse und der Justizapparat entlastet und soll auf die "großen Fische" fokussiert werden – so lautete die offizielle Begründung. Das Wort "Legalisierung" ist weiterhin tabu.

Für Experten wie Juan Carlos Hidalgo vom Cato Institute ist es dennoch ein kleiner Schritt in die richtige Richtung. "Viele Länder Lateinamerikas sind zunehmend skeptisch gegenüber der repressiven Drogenpolitik der USA, die seit Jahrzehnten verfehlt und ergebnislos ist." Noch 2006 hatte der damalige Präsident Vicente Fox ein ähnliches Gesetz per Veto gestoppt – auf Druck der USA.