Bis zu seinem 14. Lebensjahr wurde Cem von seinen Eltern zwischen der Türkei und Deutschland hin- und hergeschickt. Dann erst durfte er endgültig bei seiner Familie in München leben. Angefangen hat die Sucht mit seiner Heirat. "Ich wollte diese Frau nicht, aber meine Eltern haben sie ausgesucht", sagt der 32-Jährige.

Dann erzählt er von einer einzigen großen Lüge: dass seine Frau auch die Scheidung wolle, beide Familien eine Trennung aber ablehnten und sie deswegen durchhalten müssen. Seine Sucht finanzierte der Autolackierer, indem er nebenher schwarz arbeitete.

Es ist ihm sehr wichtig, dass er ansonsten nie etwas Illegales getan habe. Aber er machte vieles, was ihn zerstörte, nichts, was ihm gut tat. Irgendwann konsumierte er täglich Cannabis oder Kokain. Weil der Rausch nicht mehr aufhörte, er nicht mehr schlafen konnte, rauchte, schnupfte und spritzte er Heroin, "um runterzukommen und zu vergessen" - bis zu zwei Gramm täglich.

Heute, nach mehreren Entgiftungen, wird Cem in Dönüs" (zu deutsch Wende) behandelt - der einzigen Drogentherapieeinrichtung für männliche Muslime in ganz Deutschland, gelegen in Birnthon, einem Vorort von Nürnberg, 70 Einwohner, Niemandsland.

In den stillgelegten Gasthof kommen diejenigen, die süchtig sind nach Alkohol, Cannabis und chemischen Drogen. Die meisten sind Mischkonsumenten. Kaum einer hängt nur an einer Substanz. Sie sind alle männlich, haben einen Migrationshintergrund und muslimische Wurzeln. Dies sind die Voraussetzungen, um in dieser Einrichtung aufgenommen und von den überwiegend muttersprachlichen Mitarbeitern betreut zu werden.

Die Alltagssprache ist Deutsch, die Muttersprache der Klienten - so werden die Patienten hier genannt - spielt jedoch im therapeutischen Alltag eine wichtige Rolle. An diesem Ort wird niemand schief angesehen, weil er auf arabisch betet, keiner muss erklären, was der Ramadan ist. Deswegen hat sich auch Cem hierher begeben, "denn hier werde ich verstanden". Das Gefühl der Betroffenen, die Betreuer gehörten zu ihnen, gibt dem Team einen großen Vertrauensvorschuss.

Warum ist eine Therapieeinrichtung für Muslime, insbesondere Männer, überhaupt notwendig? Weil sie mit Schwierigkeiten konfrontiert werden, die die Mehrheitsgesellschaft seltener betrifft.  Diskriminierung zum Beispiel oder verminderte Bildungschancen, erklärt Levent Civan, Sozialpädagoge und Leiter der Einrichtung, die Notwendigkeit von "Dönüs" und fährt fort: "Manchmal kommt ein unsicherer, ausländerrechtlicher Status hinzu." Es wurden schon Klienten in Birnthon morgens abgeholt und abgeschoben.