"Stellen Sie sich einfach vor, wir gehen gemeinsam Essen und Sie haben kein Geld dabei und ich leihe Ihnen etwas. Und wenn wir uns das nächste Mal treffen, zahlen Sie es mir zurück." Premal Shah, Gründer und Vorstand von kiva.org, mag einfache Erklärungen. Seine Website ist die weltweit erste, die Verleiher und Empfänger so genannter Mikrokredite miteinander vernetzt. Mikrokredite kommen vor allem Menschen in Dritte-Welt-Ländern zugute, die nicht auf die Unterstützung von regulären Banken hoffen können. "Ich habe mich gefragt: Warum bringen wir Unternehmer und Mikrokredit-Institute nicht einfach im Internet miteinander in Kontakt?"

Für die Einrichtung und Betreibung der Seite wurde Kiva nun in Kopenhagen mit einem der fünf Index Awards ausgezeichnet. Mit fünf mal 100.000 Euro ist dieser Preis unter der Schirmherrschaft des dänischen Königshauses einer der höchst dotierten der Internetbranche. Verliehen in den Kategorien "home", "body", "work", "play" und "community" will er Erfindungen auszeichnen, die das Leben besser machen. Er unterscheidet sich insofern von vergleichbaren Auszeichnungen, als hier nicht nur die äußere Gestalt einer Erfindung bewertet wird, sondern der Nutzen, den sie für die Gesellschaft birgt, vor allem in den ärmeren Regionen der Welt.

Shah, ehemaliger Produktmanager des eBay-Bezahlsystems PayPal, hatte mit fünf seiner Arbeitskollegen angefangen, das Netzwerk aufzubauen. 2005 wurden die ersten 3500 US-Dollar an sieben ugandische Kleinunternehmer verliehen, darunter an einen Ziegenhüter, einen Fischhändler, einen Viehfarmer und einen Restaurantbetreiber. Einen großen Schub bekam das Unternehmen 2006, als das Komitee in Oslo den Friedensnobelpreis für dessen Vergabe von Kleinkrediten an den Wirtschaftswissenschaftler Mohammed Yunus und die von ihm gegründete  Grameen-Bank in Bangladesch verlieh.

Heute, nach fast vier Jahren Arbeit, haben bereits mehr als eine halbe Million Menschen Kredite auf Kiva.org verliehen. Einsteigen kann jeder ab einer Summe von 25 US-Dollar. Insgesamt sind inzwischen fast 90 Millionen US-Dollar an Kleinunternehmer in aller Welt vergeben worden. Die Datenbank enthält mehr als 200.000 verschiedene Projekte: von dem indonesischer Farmer Yonatan, der eine Rinderzucht aufbauen möchte bis zu Georgina in Ghana, die mit dem Kredit ihren kleinen Kosmetikversand ausbauen will.

Auf kiva.org werden all diese Menschen vorgestellt mit einem Foto, einer kurzen Beschreibung ihres Lebenswegs und ihrer Pläne. Man kann einsehen, wie viel Geld bereits gesammelt worden ist, wie viel noch benötigt wird und wer sich bereits für das Projekt engagiert hat: Holger aus Deutschland zum Bespiel, Robbie aus Kanada und viele andere, die lieber anonym bleiben möchten.

Ähnliche Kreditprojekte "von Mensch zu Mensch" gibt es auch in Deutschland. Angesichts der kreditscheuen Banken waren sie mit Beginn der Wirtschaftskrise für Kleinunternehmer eine gern genutzte Alternative. Während bei solchen Portalen der Kreditgeber selbst Zinsen und erhält, ist kiva.org "eine Null-Profit-Institution".

Ihm sei wichtig, dass die Geldgeber eben nicht als wohltätige Spender aufträten, "sondern den Antragstellern als ebenbürtige Partner gegenüberstehen", sagt Shah. Nur so könne man gegenseitiges Vertrauen aufbauen zwischen Kreditgeber und -nehmer. Nach Angaben von Kiva liegt die Rückzahlungsquote der Kredite bei 98 Prozent.