Bis Sommer vergangenen Jahres war das kleine Island mit seinen 320.000 Einwohnern eines der reichsten Industrieländer der Welt. Seit Oktober jedoch ist der Vergleich mit einem Entwicklungsland in vielerlei Hinsicht passender. Damals kollabierten die größten isländischen Banken, und eine tiefe Wirtschaftskrise setzte ein. Die Staatsverschuldung schnellte binnen weniger Monate von nicht nennenswert auf geschätzte 200 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP). Im Vergleich dazu steht selbst Deutschland mit 64 Prozent gut da.

Durch einen Kredit, den Großbritannien und die Niederlande Island nun aufdrängten, wird der isländische Schuldenberg gar auf rund 240 Prozent des BIP anschwellen. In Island bleibt das Geld jedoch nicht: Die beiden EU-Staaten wollen die Milliarden gleich wieder zurück in die eigenen Länder transferieren. Es soll heimische Sparer entschädigen, die ihr Geld in isländische Hochzinskonten mit dem Namen "Icesave" gesteckt haben. Nach dem Bankenkollaps fehlte das Geld, um die Anleger auszuzahlen.

Per se ist gegen einen solchen Kredit nichts einzuwenden. Schließlich gilt auch international Vertragsfreiheit. Doch im vorliegenden Fall kann von Freiheit nicht die Rede sein. Zwar hat das isländische Parlament den Kreditvertrag am Freitag akzeptiert - doch nur, weil es keinen anderen Ausweg sah.

Island fehlte Kompetenz, Macht und Zeit, um in den Verhandlungen um das Milliardendarlehen eigene Positionen durchzusetzen. Dabei ist noch gar nicht geklärt, ob der Staat Island wirklich verpflichtet ist, für die verlorenen Spareinlagen geradezustehen. Die europäischen Regelungen waren für einen solchen Extremfall nicht ausgelegt.

Dennoch pochen Großbritannien und die Niederlande darauf, dass Island zahlt. Um den heimischen Sparern und also Wählern Gutes zu tun, ist ihnen jedes Mittel recht. Zunächst wendete die Regierung Brown Terroristengesetze gegen Island an. Dann sorgte sie dafür, dass der Internationale Währungsfonds und die nordischen Nachbarstaaten versprochene Kredite nicht an Island auszahlten. Dann gab Island klein bei und ratifizierte den Vertrag mit Großbritannien und den Niederlanden.

Die beiden Länder haben ihr Ziel erreicht. Doch Island hat kaum Chancen, Zins und Tilgung zu bezahlen. Das isländische Parlament ergänzte den Vertrag nun um eine Klausel, derzufolge Rückzahlungen an die wirtschaftliche Entwicklung des Landes zu koppeln sind. Das würde Island Luft verschaffen, muss aber von Großbritannien und den Niederlanden noch genehmigt werden.

Island hat den vorliegenden Vertrag ausgehandelt, als das Land und die damalige Regierung kollabierten. Seinen Verhandlungsführern ist es damals nicht gelungen, klar zu machen, dass auch Großbritannien und die Niederlande, ja selbst die Europäische Union, an der Pleite der isländischen Banken mitschuldig ist. Schließlich kann nicht die isländische Finanzaufsicht alleine verantwortlich sein, wenn isländische Banken in anderen Ländern riskante Geschäfte machen.