Ungeachtet ihrer Ursprungsgeschichte sind die Menschenrechte zu einer universellen Idee geworden. Das gilt für ihre Konzeption wie für ihre Anwendung. Sie sind das Fundament für die Kontrolle der Macht und somit auch für die Beziehungen zwischen Regierenden und Regierten. Denn Erstere stellen immer eine potenzielle Bedrohung für Letztere dar. Die Formulierung der Menschenrechte bildet die Voraussetzung dafür, dass die Regierten den Schutz ihrer Menschenwürde einfordern können.

So viel zur theoretischen Voraussetzung. In einem Land wie dem meinen stellt sich für die Menschen die große Frage, ob die universelle Gültigkeit der Menschenrechte jemals verwirklicht wird. Und es stellt sich die Frage, ob eines der wichtigsten Instrumente zu ihrer Umsetzung, die internationale Justiz, diesem Anspruch gerecht werden kann.

In der Demokratischen Republik Kongo sind innerhalb der letzten zwölf Jahre rund sechs Millionen Menschen gestorben: an den Folgen von Kriegen und schwerster Menschenrechtsverletzungen, meist begangen durch bewaffnete Truppen und Milizen aus den angrenzenden Ländern. Wer die Untersuchungsberichte der Vereinten Nationen liest, muss zu dem Schluss kommen, dass die Menschen im Kongo einer schleichenden Vernichtung ausgesetzt sind – einer Zerstörung, vor deren Ausmaß die internationale Gemeinschaft seit Jahren die Augen verschließt.

Gleichzeitig ist der Kongo ins Zentrum der internationalen Strafjustiz gerückt: Der Internationale Strafgerichtshof (IStGh) in Den Haag, das einzige permanente Gericht der Welt zur Ahndung von Völkermord, Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit, führt seinen ersten und bislang einzigen Prozess gegen einen kongolesischen Kriegsherrn, Thomas Lubanga, angeklagt der Rekrutierung von Kindersoldaten. Alle weiteren Untersuchungshäftlinge, die sich bislang im Gewahrsam des IStGh befinden, sind ehemalige Rebellenführer aus dem Kongo.

Ist der Kongo also endlich zu einem Präzedenzfall für universelle Umsetzung der Menschenrechte geworden? In den Augen der meisten Kongolesen nicht. Sie glauben, in ihrem Land findet wieder einmal ein neokoloniales Experiment statt, in dem an einigen wenigen, politisch verzichtbaren Milizenführern ein Exempel statuiert wird, während andere unbehelligt weiter agieren können. Viele glauben auch, dass es nicht in erster Linie um die Rechte und die Würde der Kongolesen geht. Lubanga zum Beispiel geriet erst ins Visier der internationalen Öffentlichkeit und Justiz, als man ihn verdächtigte, für den Tod mehrerer UN-Blauhelme verantwortlich zu sein. Nicht, weil er der Tod unzähliger Kongolesen verschuldet hatte.

Jeder Kongolese weiß, dass die Gewalt in seinem Land durch die Gier nach Rohstoffen mit angefacht wurde und wird. Während des Krieges (gemeint ist hier der "zweite Kongo-Krieg" von 1998 bis 2002, d. Red.) finanzierten sich die Konfliktparteien durch den Handel mit Coltan, Kupfer und Zinn aus kongolesischem Boden. Sofern dieser Krieg überhaupt internationale Aufmerksamkeit erregte, sorgten sich die Industrieländer eher um die Verfügbarkeit der Rohstoffe als um die Zahl der Kriegsopfer. Wären die Toten Amerikaner oder Europäer gewesen (oder hätten sich unter den Toten einige Amerikaner oder Europäer befunden), wäre die politische Mobilisierung eine ganz andere gewesen.

Die Gewalt im Kongo ist noch nicht zu Ende, der Kreislauf zwischen bewaffneter Gewalt und Ausbeutung von Rohstoffen noch lange nicht durchbrochen. Vor diesem Hintergrund wäre es naiv zu erwarten, dass die Kongolesen ein einzelnes internationales Gerichtsverfahren in Den Haag als Zeitenwende im Kampf für ihre Menschenrechte begrüßen würden. Schon gar nicht dann, wenn der Angeklagte "nur" der Rekrutierung von Kindersoldaten beschuldigt wird, während andere, in den Augen der Kongolesen viel schlimmere Verbrechen wie zum Beispiel die Auslöschung ganzer Dörfer bis auf Weiteres ungesühnt bleiben.