Anhand von genetischen und archäologischen Daten simulierten die Wissenschaftler, wie sich die Milchzuckerverträglichkeit in Europa ausbreitete. "Wir sammelten Belege für den Zeitpunkt, wann die Landwirtschaft in Europa entstand und verknüpften diese mit der Verbreitung der Milchzuckerverträglichkeit in der heutigen Bevölkerung Europas", erklärt Thomas.

Dafür nahmen die Wissenschaftler DNA-Proben von Menschen in zwölf Regionen Europas. "Wie erwartet, fanden wir die höchste Frequenz an Laktosetoleranz bei Menschen in Nordeuropa, vor allem in Irland , Großbritannien und auch Skandinavien", sagt Thomas. Je südlicher die Proben genommen wurden, desto weniger stark war die Milchverträglichkeit in der Bevölkerung verbreitet.

Diese Verteilung ließe den Schluss zu, dass eher Nordeuropäer die ersten waren, die sich zu Milchtrinkern entwickelten. "Das ist aber eine naive Vorstellung", sagt Thomas. Denn Überreste von Milchproteinen, die die Forscher  in mehr als 7000 Jahre alten Keramikgeschirr entdeckten, deuten darauf hin, dass der Mensch auf dem Balkan und in Zentraleuropa zuerst Milch von Tieren nutzte.

Schließlich fütterten die Wissenschaftler ihre Rechner mit einer ganzen Reihe genetischer und archäologischer Daten. Entstanden ist daraus eine Computersimulation (siehe Video), die zeigt, wie sich der Milchtrinker in Europa in den vergangenen 360 Generationen ausbreitete.

Doch warum war es überhaupt wichtig, dass der Mensch Milch auch im erwachsenen Alter verträgt? "An der Grenze zum Hungertod hatten jene Menschen der Jungsteinzeit einen entscheidenden Vorteil, die Milch verdauen konnten", sagt Thomas. Denn zu Beginn der Landwirtschaft kämpften die Jungsteinzeitler mit Ernteausfällen, da sie sich mit dem Anbau von Nutzpflanzen kaum auskannten. Milch war da eine kalorien- und eiweißreiche Alternative für diejenigen, die sie problemlos verwerten konnten. Noch dazu war sie wohl weniger keimbelastet als Trinkwasservorräte.

Milch wurde vermutlich anfangs zunächst zu Käse und Butter verarbeitet, ehe die Menschen begannen, sie frisch zu trinken. Die Verträglichkeit wurde zu einem entscheidenden Überlebensvorteil und die genetische Variante im menschlichen Erbgut setzte sich unglaublich schnell durch. "Hätte es diesen Vorteil nicht gegeben, wären sicher weitere 500 bis 1500 Jahre vergangen, ehe sich die Landwirtschaft besonders in Nordeuropa durchgesetzt hätte", sagt der Genetiker. "Europa wäre wohl weitaus mehr von südlicheren Kulturen dominiert als heute, und das gilt möglicherweise auch für die Sprachen die wir heute sprechen".