Müsste Carsten Schmidt* eine hervorstechende Besonderheit seines Arbeitsalltag nennen, würde ihm dafür ein Attribut einfallen: fehlende Kontinuität.

Schmidt, 36 Jahre alt, ist einer von mehr als 2,4 Millionen Multijobbern in Deutschland. Er arbeitet hauptberuflich als selbstständiger Trainer für Berufsberatung. Für diesen Job ist er mehrere Tage während der Woche unterwegs, reist von Seminar zu Seminar – quer durch Deutschland. Stress pur. Und nicht alle Aufträge lohnen sich. Der Freiberufler muss sich manchmal aufwendig vorbereiten, aber diese Zeit ist nicht immer in der Vergütungspauschale enthalten. "Manchmal komme ich nur auf einen Bruttostundenlohn von acht Euro, davon geht dann noch die Sozialversicherung ab."

Die einzige Konstante ist derzeit die Unsicherheit
Carsten Schmidt, Multijobber

Unrentable Aufträge abzulehnen kann er sich nicht erlauben. Lukrative Folgeaufträge könnten ausbleiben. Zudem glaubt der 36-Jährige nicht an Beständigkeit und Planungssicherheit bei stark variierender Auftragslage. Festgelegt sind lediglich die Arbeitszeiten am Samstag, wenn Schmidt zusätzlich im Gastronomiegewerbe arbeitet. Als Minijobber für 400 Euro. Für den Selbstständigen das einzige planbare Einkommen.

Ein hohes Maß an Flexibilität, Zeitmanagement und Eigenmotivation ist notwendig, um mehrere Jobs auszuüben. "Wenn ich freitags nach einem dreitägigem Seminar mit durchschnittlich 16 Stunden am Tag nach Hause komme, fällt das Arbeiten in der Gastronomie am Samstag oft schwer", erzählt der Multijobber. Ein Hobby hat er auch noch: In seiner Freizeit betreut er Jugendliche in einem Sozialprojekt. "Ein kleines Zubrot gibt es hier schon. Aber vor allem mache ich das, weil die Arbeit einfach Spaß bringt", sagt er. Für ihn sei das soziale Engagement ein Lichtblick im ansonsten stressigen Arbeitsalltag.

Mit den drei Jobs kommt Carsten Schmidt nur knapp über das Existenzminimum. In schlechten Monaten muss er die Hilfe des Arbeitsamtes in Anspruch nehmen. Ausgesucht hat er sich seinen Weg des Broterwerbs nicht. Seine Selbstständigkeit als Trainer für Berufsberatung ist mehr aus der Not heraus geboren. Ein nicht abgeschlossenes Studium im Bereich Erwachsenenbildung erschwerte ihm den Start in ein geregeltes Berufsleben. So bleibt Carsten vorerst nichts anderes übrig, als das Bestmögliche aus seiner Lage zu machen. "Die einzige Konstante ist derzeit die Unsicherheit – in jeglicher Hinsicht", fasst der Multijobber seine berufliche Situation zusammen. Sein Wunsch für die Zukunft: "Sicherheit. Sowohl in der Zeitplanung, als auch in finanzieller Hinsicht." Ein Wunsch, den Carsten mit vielen anderen Multijobbern teilt.

Das Phänomen der Mehrfachbeschäftigung auf dem deutschen Arbeitsmarkt beschränkt sich aber nicht nur auf Personengruppen ohne Studiums-, Ausbildungs- oder Schulabschluss, sondern zieht sich durch alle Bevölkerungsschichten. Vom Schulabgänger ohne Abschluss bis hin zum Akademiker kurz vor der Rente: Ausnahmslos jede soziale Schicht ist unter den Multijobbern vertreten. Besonders begehrt ist das auch als Minijob bekannte Arbeitsverhältnis auf 400-Euro-Basis, weil hier keine Abgaben geleistet werden müssen.

Auch die Kombination mehrerer Minijobs oder die eigene Selbstständigkeit in Kombination mit einem Minijob ist eine beliebte Variante, um mehr Geld ins Portemonnaie zu spülen.

Es steckt jedoch nicht immer Arbeitslosigkeit oder Finanznot dahinter, wenn sich jemand dazu entschließt, zwei oder gar drei Jobs parallel auszuüben. Heike Müller* arbeitet als in einem Anwaltsbüro und hat noch zwei ehrenamtliche Jobs. "Ich arbeite nur 30 Stunden in der Woche als Sekretärin. Da bleibt noch Zeit, etwas anderes zu machen", erklärt sie. Müller jobbt einmal in der Woche als Bürokraft bei einer Tierschutzorganisation, außerdem engagiert sie sich bei einem Sportverein. Heike Müller genießt es, so viel tun zu können. "Die Kinder sind aus dem Haus und nur der Job als Sekretärin – nein, das wäre mir zu wenig", bemerkt die 53-Jährige und lacht.

Finanziell geht es der Multijobberin gut. Sie finanziert sich mit ihrem kleinen Zuverdienst kleinere Anschaffungen "außer der Reihe", wie sie es nennt. Multijobbing für den kleinen Luxus zwischendurch, sozusagen. "Natürlich ist der kleine Nebenverdienst willkommen", räumt Hieke Müller ein. Vorranging sei jedoch die Freude an den vielen Jobs. Die füllen sie aus – immerhin 50 Stunden pro Woche ist sie damit beschäftigt. "Positiver Stress", wie sie findet. "Erst die beiden zusätzlichen Beschäftigungen füllen meinen Berufsalltag komplett aus. Außerdem: Der Gedanke, für eine gute Sache zu arbeiten, wiegt das auf."

*Name von der Redaktion geändert.