ZEIT ONLINE: Die Konjunkturkrise trifft die Medienbranche, auch in vielen Wirtschaftsredaktionen wird Personal abgebaut. Sind das gute Zeiten für die PR der Konzerne, weil sie auf weniger Widerstand trifft?

Richard Gaul: Wenn in den Medien Kapazitäten abgebaut werden, ist das letztlich auch für die PR der Konzerne fatal. Dreierlei kommt da zusammen: Durch die Entwicklung der Technik, vom Internet bis Twitter, wird Kommunikation unglaublich beschleunigt. Da bleibt Journalisten kaum die Zeit zum Nachdenken oder Nachfragen. Zweitens ist gerade in der Wirtschaft die Menge der Nachrichten extrem stark gewachsen. Früher herrschte hier große Verschwiegenheit, heute sind Quartalsberichte vorgeschrieben, und dann kommunizieren noch alle über alles. Das ist an sich gut, erschwert aber die Prüfung der Fakten. Deshalb müssten die Redaktionen eigentlich ausgebaut werden – stattdessen wird, das ist der dritte Punkt, allenthalben gespart.

ZEIT ONLINE: Aber gerade dann gilt doch, dass PR-Botschaften von Unternehmen oder Interessengruppen leichter platziert werden können?

Gaul: Genau das ist das Problem. Wird der Qualitätsjournalismus als Wächter geschwächt, so ist der Unwahrheit, der Manipulation bis hin zur Lüge, Tür und Tor geöffnet. Kurzfristig könnte da ein Konzern mit seiner geballten Kommunikationsmacht profitieren, aber auf Dauer wäre er verdammt angreifbar.
 
ZEIT ONLINE: Wer sind die Angreifer, an die Sie dabei denken?

Gaul: Das fängt an mit den vielen Interessengruppen. Auch kleinste Umweltorganisationen können über das Internet Falschinformationen streuen. Ihnen wird oft schon deshalb geglaubt, weil sie das als Kampf von David gegen Goliath inszenieren. Große Lobbyverbände versorgen Berichtererstatter vertraulich mit vermeintlich heißen Insiderinfos. Fehlt die Zeit für die genaue Gegenrecherche, so ist der Skandalisierung keine Grenze mehr gesetzt. Jede Behauptung wird zur Nachricht. Und das trifft dann natürlich vielfach große Unternehmen.

ZEIT ONLINE: Nun sind die Unternehmen nicht nur Opfer, sondern vielfach auch Täter.

Gaul: In der Tat besteht die Gefahr, dass Negativkampagnen von Wettbewerbern guten Unternehmen schaden. "Schwarze PR" nennen wir das. Wir im PR-Rat wissen, dass derlei angeboten wird. Aber leider wissen wir nicht, wer es nutzt. Um so mehr brauchen wir kritische Journalisten. Klar ist, dass eine Diffamierung von Produkten einem Unternehmen sehr schaden kann. Auch hier bietet das Internet mit seiner diffusen Öffentlichkeit viele Möglichkeiten.

ZEIT ONLINE: Konkrete Fälle kennen Sie nicht?

Gaul: In meiner Zeit bei BMW hat ein Konkurrent mal mit Journalisten in Brasilien eine Testfahrt mit einem Modell seiner Marke und mit einem unserer Wagen organisiert. Der BMW fuhr sich schlechter – weil aus den Reifen soviel Luft rausgelassen war, dass die Straßenlage litt. Das ist lange her. Aber es zeigt, was möglich ist. Und die Versuchungen wachsen.

ZEIT ONLINE: Wo denn?