Mitarbeiter sind fordernd und faul, Vorgesetzte knauserig und kaltherzig?

Man stelle sich mal vor: Ein Chef stiehlt während eines privaten Abendessens bei seinem Mitarbeiter einfach dessen Toilettenpapier, weil er es selbst sehr gut zu Hause gebrauchen kann. Absurde Vorstellung – umgekehrt ist es aber gar nicht so undenkbar: Der Arbeitgeber wird häufig beklaut. Jeder dritte Angestellte findet es okay, Büromaterialien für den Privatgebrauch mitzunehmen, erklären die Autoren Volker Kitz und Manuel Tusch. Solche "privaten Gewinnmitnahmen" schmälern den Gewinn deutscher Unternehmen schätzungsweise um rund 100 Milliarden Euro. Auch nicht gerade gerecht.

Weil der Frust im Job so verbreitet ist, war schon das erste Buch von Volker Kitz und Manuel Tusch, das Frustjobkillerbuch, ein Bestseller. Jetzt kommt die Fortsetzung Ohne Chef ist auch keine Lösung. Das Buch setzt da an, wo das andere aufhört. Beim Verständnis für den anderen. Und weil man verständnisvoller ist, wenn man die Perspektive des anderen kennt, richtet sich das Buch an Arbeitnehmer und Arbeitgeber gleichermaßen. Nun ist ja die Idee, den anderen zu verstehen, wirklich nicht neu. Die Lösungsansätze der beiden Arbeitspsychologen sind verständlich: Sich in den anderen einfühlen, die Arbeitswelt mit den Augen des anderen betrachten. Und so weiter, und so fort. Interessant wird das Buch durch das Tempo, in dem sich kurze Passagen im Perspektivwechsel aneinanderreihen. Die Autoren arbeiten mit Beispielen, die jeder so oder so ähnlich kennt – und zum Glück nie so erlebt hat. Denn Kitz und Tusch übertreiben maßlos. Das ist witzig, weil die Autoren alle Beispiele mit fundierten Hintergrundinformationen anreichern.

Und weil Gerechtigkeit und Moral so nah bei einander liegen, haben Kitz und Tusch ihre guten Ratschläge in zehn Geboten formuliert. Von "Du sollst nehmen, was du gibst und geben, was du nimmst" bis "Du sollst dem Himmel danken" ist alles dabei, was zum Thema Nächstenliebe passt.

Liebe Deinen Chef und Deine Mitarbeiter wie Dich selbst, dann klappt es auch mit dem Betriebsklima. Das wäre etwas zu klerikal, finden auch die Autoren. Darum schlagen sie ein ausgewogenes Maß an Möglichkeit zur Gestaltung und Mitbestimmung für beide Seiten vor; außerdem genügend Transparenz und Zuverlässigkeit, Lob und Anerkennung, Fairness und Glaubwürdigkeit. Am Ende ginge es darum, die Arbeit als Arbeit zu verstehen und sich an die ausgemachten Vertragsregeln halten. Klingt banal und ist doch so schwer. Die These der Autoren: Weil neben dem rechtlichen Arbeitsvertrag immer auch ein psychologischer geschlossen werde, in dem lauter Erwartungen, Vorstellungen und Hoffnungen auf beiden Seiten mitschwingen, sind Konflikte vorprogrammiert. Leben wir also damit!