"Das ist entsetzlich, einfach widerlich", seufzt der junge Mann. "Das ist fantastisch. Ein unglaublicher Erfolg", jubelt die junge Frau. Beide trennen nur wenige hundert Meter. Vor allem aber eine fundamental unterschiedliche Sicht auf das Resultat der saarländischen Landtagswahl. Er trägt das orangenfarbene T-Shirt des Peter-Müller-Teams, sie ein rotes T-Shirt der Linkspartei. Gemeinsam haben sie nur eine Sache: Beide wollen, dass die Grünen ihren Kandidaten den Weg in die Staatskanzlei ermöglichen.

Das CDU-Mitglied hofft auf eine Jamaika-Koalition, also darauf, dass Liberale und Grüne es Peter Müller ermöglichen, im Amt zu bleiben. Die Anhängerin von Oskar Lafontaine hingegen geht fest davon aus, dass die Grünen den Machtwechsel ermöglichen und in eine Rot-rot-grüne-Koalition eintreten.

Die umworbenen Grünen genießen die große Bedeutung, die sie plötzlich in dem kleinen Saarland haben. Am Wahlabend bejubeln ihre Anhänger den Wahlerfolg so laut, dass der Lärm bis in das Congress Centrum dringt, in dem die Fernsehsender ihre Studios aufgebaut haben.

Dort muss der Chef der saarländischen Grünen, Hubert Ulrich, viel mehr Interviews geben, als ihm lieb ist. Immer wieder legt er Dehnübungen zwischen den Gesprächen ein. Er hat Rückenschmerzen, stand die vergangenen Tage ständig unter Druck, fürchtete, aus dem Landtag zu fliegen. Nun kann er entscheiden, ob es im Saarland einen neuen Regierungschef gibt oder ob der alte Ministerpräsident an der Macht bleibt.

Die 5,9 Prozent der Stimmen und damit drei Landtagssitze machen aus den kleinen Saar-Grünen  einen mächtigen Entscheider. Ulrich weiß das und will die neue Macht nutzen. "Wir werden mit beiden Lagern sprechen", sagt er. "Und wir werden unsere Interessen hart verkaufen."

SPD und Linke kämen gemeinsam mit den Grünen auf 27 Sitze – CDU und FDP mit der Ökopartei zusammen ebenfalls. Das prophezeite Patt im Saarland ist eingetreten, wenngleich kein Meinungsforscher einen so starken Stimmengewinn der Lafontaine-Partei und keiner die großen CDU-Verluste vorhergesagt hat.

Die Basis der Grünen scheint eher zu einem Bündnis mit den beiden roten Parteien zu tendieren. Von den Anhängern ist über die CDU wenig Gutes zu hören. Allerdings ist auch Lafontaine eine Reizfigur für die Grünen. Der Linken-Chef hatte noch am Vortag der Wahl gesagt, er hoffe, dass die Grünen nicht in den Landtag einziehen.

Dennoch zeigen die drei linken Parteien in ihren Programmen große Übereinstimmungen: Streichen der Studiengebühren, Abschaffen des achtjährigen Gymnasiums und Ablehnung des Atomstroms – das findet sich bei den Grünen ebenso wie bei der SPD und der Linken. Die Haltung der Grünen-Spitze im Saarland bleibt aber: Wir warten ab, lassen die anderen auf uns zukommen.

Das macht den Christdemokraten Hoffnung. Bei der CDU träumen die Mitglieder von Jamaika. Auf Landesebene gab es solch ein Bündnis noch nie in Deutschland, die Konservativen würden das Experiment dagegen wagen. Schließlich sei man beim Thema Kohle mit den Grünen einig, sagt eine junge Frau auf der Wahlparty der CDU – beide Parteien wollen den Kohlebergbau im Saarland endgültig stoppen.