Wer hat nicht schon einmal beim Anblick einer Sternschnuppe darauf gehofft, dass sich der insgeheim geäußerte Wunsch irgendwann erfüllt? Und wer gibt sich nicht gern mal der Täuschung hin, dass das Leben eine Art Wunschkonzert ist? Trotzdem würde man stutzig, wenn sich eines Tages ein Mann zu einem setzen und anbieten würde: "Ich erfülle Ihnen drei Wünsche." Vermutlich würde man den Mann für wahnsinnig halten. Vielleicht ihm auch rüde entgegnen, so wie es Jonas macht, der Held aus Thomas Glavinics neuem Roman Das Leben der Wünsche: "Aber was gehen sie meine Wünsche an? Ich weiß ja gar nicht wer sie sind." Und vielleicht würde man sich dann auch wie Jonas aus Spaß und Neugier darauf einlassen: "Ich wünsche mir, dass sich alle meine Wünsche erfüllen. Dies ist mein erster Wunsch, und auf die anderen zwei kommt es nun nicht mehr an, ich schenke sie Ihnen."

Jonas bekommt von dem Mann noch mit auf den Weg, seinen Wünschen Zeit zur Entfaltung zu geben, und nach diesem Intro schildert Glavinic zunächst recht gemächlich das Jedermannsleben seines 35-jährigen Helden: Jonas ist mit Helen verheiratet, die er nicht mehr so liebt. Er hat zwei Kinder mit ihr, zwei Jungen, die er abgöttisch liebt. Und er hat eine Geliebte, Maria, die er auch sehr liebt. Sein Job in einer Werbeagentur dagegen liegt ihm so gar nicht am Herzen, aber irgendwo muss das Geld ja herkommen.

Das alles ist nicht weiter spektakulär und eher langweilig, wäre da nicht das Intro, das diesem Roman von Beginn an eine zwielichtige, wenn nicht gar düstere Atmosphäre verleiht und ihn buchstäblich sein eigenes Leben führen lässt. Denn jeder neue und noch so kleine Vorfall in Jonas’ Leben wird mit Bedeutung aufgeladen, und manchmal mit einer, die er gar nicht zu verdienen scheint. Jonas’ Leben ist auf unerklärliche Weise ins Rutschen geraten. Man könnte auch sagen: Jonas lebt plötzlich in einer Parallelwelt, und in dieser lebt er ganz allein.

Womit wir gleich ganz in der bizarren Romanwelt von Thomas Glavinic wären. Ständig neue Einfälle sind ihr oberstes Charakteristikum. Glavinic will nicht immer wieder dieselbe Geschichte erzählen, nur jedes Mal besser, sondern immer wieder eine andere – sei es wie vor zwei Jahren in Das bin doch ich über einen neurotischen Schriftsteller im Literaturbetrieb. Sei es in dem Roman Der Kameramörder, in dem ein Schwerverbrecher erzählt, wie er zwei Kinder zum Selbstmord gezwungen und dabei gefilmt hat.

Jonas zumindest kennen Glavinic-Leser schon aus dem Roman Die Arbeit der Nacht, wo er eines Morgens aufwacht und tatsächlich allein auf der Welt ist. Im Verlauf des Romans bemüht Jonas sich, der Sache auf den Grund zu gehen, mit Videokameras genauso wie mit zahlreichen Erinnerungen an sein bisheriges Leben: "An ihm war es nun, das Alte wiederherzustellen. Falls er etwas auf der Welt sein Eigen nennen wollte."

So dunkel und rätselhaft Die Arbeit der Nacht ist, so wenig trägt der Roman seine Idee auf vierhundert Seiten. Das Leben der Wünsche dagegen funktioniert um Klassen besser: Jonas will das Alte jetzt nicht mehr wiederherstellen, sondern abstreifen. Er versucht, der Fremdheit seines Lebens zu entkommen, etwas Eigenes zu entwickeln. Nur weiß er nicht, ob er die Kontrolle über sein Leben hat. Oder ob ihn jemand kontrolliert?

Er weiß nicht, wie frei er in seinen Gedanken, Wünschen und Entscheidungen wirklich ist, was überhaupt für Obsessionen in ihm schlummern. Und wie sicher die vermeintlichen Sicherheiten seines Lebens sind. Daraus bezieht Das Leben der Wünsche lange seine Spannung, und dramatisch gut zudem ist, wie Glavinic all das fast gleichmütig erzählt: in einer trockenen, ohne Schnörkel und lange Sätze auskommenden Sprache. Und in kurzen Kapiteln, in denen Jonas’ Welt Stück für Stück aus den Fugen gerät, ohne dass er oder der Leser wüssten, ob das Ganze nun maßloses Glück verspricht oder katastrophische Ausmaße annimmt.