Unter Paragraf 32 des Bundeswahlgesetzes steht folgender Satz: "Die Veröffentlichung von Ergebnissen von Wählerbefragungen nach der Stimmabgabe über den Inhalt der Wahlentscheidung ist vor Ablauf der Wahlzeit unzulässig." Eigentlich also ist illegal, was seit Jahren im politischen Geschäft gang und gäbe ist – die Herausgabe sogenannter Exit Polls an Politiker und Journalisten.

Während Wahlen befragen die großen Institute wie Infratest dimap oder die Forschungsgruppe Wahlen vor den Wahlbüros jene, die gerade gewählt haben darüber, was sie ankreuzten. Daraus lassen sich dann schon am Nachmittag des Wahltages ganz gute Trends ablesen, wie gewählt werden wird. Keine Schätzungen, sondern eher eine Art Frühhochrechnung der tatsächlichen Stimmung. Diese "Exit Polls" bekommen Parteien und ausgewählte Journalisten unter dem Versprechen der Verschwiegenheit, damit sie ihre Statements und Kommentare vorbereiten können.

Das kalkulierte Risiko funktionierte, solange die Klientel dichthielt und die Zahlen nicht öffentlich wurden. Doch seit es das Internet gibt, halten nicht mehr alle dicht. Oder anders: auch vorher wurden diese SMS gern weitergeleitet, um mit dem Wissen zu protzen. Doch dank des Internets erreicht solches Gehabe nun eine riesige Öffentlichkeit. Die am Sonntag bei Twitter erschienenen Zahlen waren zwar der Dammbruch, aber längst nicht der Beginn der Flut.

Um 18 Uhr schließen in Deutschland die Wahllokale. Erst dann darf öffentlich darüber spekuliert werden, wer die Wahl gewonnen hat. Alles andere würde den Grundsatz der Gleichheit der Wahl verletzen. Außerdem besteht die Gefahr, dass die vielen Unentschlossenen sich durch die Trends beeinflussen lassen.

In den USA beispielsweise wird bis heute vermutet, dass ein zu früh veröffentlichter Trend die Präsidentenwahl 1980 verändert hat. Jimmy Carter trat damals gegen Ronald Reagan an. Reagan gewann mit überwältigender Mehrheit, doch wäre sie möglicherweise kleiner gewesen, wenn der Fernsehsender NBC nicht um 20.15 Uhr östlicher Zeit dessen Sieg verkündet hätte. Denn zu dieser Zeit war es an der Westküste erst 17.15 Uhr und viele Wähler blieben nach der Nachricht zu Hause.

Deutschland hat sich, um so etwas zu verhindern, ein strenges Wahlgesetz gegeben. 50.000 Euro beträgt die Geldbuße für Verletzungen desselben. Bei der Bundestagswahl 1998 veröffentlichte RTL nur 37 Sekunden vor 18 Uhr seine erste Schätzung, die auf genau solchen Wahllokalbefragungen basierte. Der Sender bekam damals Ärger, die Konkurrenz beschwerte sich, der Bundeswahlleiter prüfte den Vorgang.

Bei der Bundestagswahl 2002 dann war es das ZDF, das seine Prognose zu früh rausgab. Zwei Minuten vor 18 Uhr stand sie auf der Webseite des Senders. Ein Versehen, hieß es. Bei der Hessenwahl im Januar 2009 war bild.de sogar 13 Minuten zu früh. Um 17.47 Uhr liefen dort die ersten Zahlen über die Seite.