Christoph Matschie ist kein Volksredner, kein Einpeitscher. Der SPD-Vorsitzende aus Thüringen gehört zu den Politikern, die in kleinen Runden schlagfertig sind, die es aber Überwindung kostet, sich vor mehrere hundert Menschen zu stellen. Matschies Mitarbeiter sagen, ihr Chef sei schon besser geworden. Vor ein paar Jahren sei er noch viel verkrampfter aufgetreten.

Auch Frank-Walter Steinmeier ist kein Volksredner. Ähnlich wie bei Matschie startete die Karriere des SPD-Kanzlerkandidaten in der zweiten Reihe. Die erste Hälfte seines politischen Lebens war er Spitzenbeamter, Zuarbeiter, Organisator. Auf die Bühne drängte es ihn nicht. Wohl auch aus realistischer Selbsteinschätzung: Steinmeiers frühe Reden als Kanzlerkandidat begeisterten seine Parteifreunde nicht gerade. Inzwischen ist ein bisschen routinierter, nicht mehr so monoton und dröhnend. Aber ein begnadeter Entertainer wird Steinmeier nicht mehr.

Am Freitag stehen der frühere Staatssekretär Matschie und der frühere Kanzleramtschef Steinmeier nun also auf dem Marktplatz in Jena. Zaghaft winken sie von der Bühne ins Publikum. Elektrisiert haben sie ihre durchaus zahlreichen Zuhörer nicht. Auch nicht einander: Während Matschies Rede hörte Steinmeier keine Minute zu, stattdessen tuschelte er solange mit den Lokalpolitikern auf der Bühne - bis er von Matschies Frau einen strafenden Blick erntete.

Dabei ist Matschies Rede durchaus kräftig. Zwar sitzen nicht alle Betonungen, zwar putscht er sein Publikum nicht auf, wie beispielsweise Oskar Lafontaine oder Gerhard Schröder das können. Aber gleichwohl merkt man, dass er vielen Jenaern aus dem Herzen spricht. Sie nicken nach fast jedem Satz, am Ende erhält er einen anhaltenden, wohlwollenden Applaus.

Was Matschie vorträgt, ist eine halbstündige Abrechnung mit Dieter Althaus, dem CDU-Ministerpräsidenten, der seit fünf Jahren mit absoluter Mehrheit regiert. Er nennt Althaus "ausgelaugt und kraftlos" und einen "politischen Geisterfahrer". Damit meint er nicht oder nur in zweiter Linie die Folgen von Althaus' Skiunfall vom Januar, seit dem selbst in CDU-Kreisen heimlich diskutiert wird, ob ihm nicht eine längere Erholungszeit gut getan hätte. Nein, es ist eine zornige, politische Bilanz: Althaus habe zugelassen, dass Thüringen zum Niedriglohnland werde, er habe nichts gegen die Abwanderung unternommen, er habe ein unfähiges, zerstrittenes Kabinett.

Sogar ein Hauch Obama weht über den Marktplatz von Jena. Matschie beschwört den Wandel: "Wir haben die Chance, hier was zu bewegen." Das Publikum schaut entschlossen. Selbst Steinmeier unterbricht seinen Plausch für einen kurzen Moment.

Das Problem: Matschie inszeniert sich als Alternative, als Althaus' ebenbürtigen Gegenspieler. Tatsächlich aber ist er bloß Anführer der drittstärksten Partei in Thüringen. Bei der vergangenen Landtagswahl erhielt seine SPD magere 14,5 Prozent. In den Umfragen liegt er nun zwar etwas besser, aber immer noch deutlich hinter der Linkspartei, die deshalb den Anspruch erhebt, in einer möglichen Koalition den Ministerpräsidenten zu stellen. Die Linke aber erwähnt Matschie mit keinem Wort.

Steinmeier kennt das. Auch er tut seit Monaten so, als sei er ein Kanzlerkandidat auf Augenhöhe. Auch er spricht in Jena nicht über die Linke, nicht über Machtoptionen und Koalitionen. Sondern ähnlich wie Matschie arbeitet er sich an der Kanzlerin Angela Merkel ab, der er ein willfähriges Krisenmanagement vorwirft: "Sie hat keine Linie, keine Richtung – so kann man nicht regieren".