Es war - fast - wie immer bei gleicher Gelegenheit: Pünktlich begann das Essen um kurz nach  zwölf Uhr Mittag. Erst eine Fritattensuppe, danach Tafelspitz, was sonst immer begleitet war von der Feststellung, dass dies das bevorzugte Gericht von Kaiser Franz Joseph war. Und dass über dem guten Kaiser in seinem Arbeitszimmer ein Gemälde hing vom Seekampf bei Lissa, den Admiral Tegetthoff darstellend während der alles entscheidenden Ramm-Aktion, die der österreichischen Marine das Schlachtenglück bescherte.

Doch diesmal, am Mittwoch, den 13. Mai, war es, fast unmerklich, anders. Auf die ersten Fragen nach dem Befinden kamen nicht die gewöhnlichen Bemerkungen wie "geht schon", sondern präzise Auskunft über die tristen Realitäten. Ein Auge, das nicht mehr mitmacht, die Schulter, kurz: alles mühsam. Aber wie zum Beweis des Gegenteils (und nach der Auskunft, dass er täglich von zehn bis zwölf zeichne) zog er ein Buch zu sich heran, schwenkte es hin und her, ganz fröhlich plötzlich: "Sozusagen ofenfrisch, das jüngste Werk!" Er verlangte nach einem Bleistift und fragte nach dem Datum. Die Antwort kam zeitgleich und doppelt: der 13. Mai. Und, so schnell wie gedacht, die Bemerkung: Wisst Ihr noch, das war mal kurz nach dem Krieg ein ganz irrer Karnevalsschlager "......am 13. Mai ist der Weltuntergang.....". Ich wollte gerade die nächsten Zeilen anhängen, hielt aber noch rechtzeitig inne. Er schrieb konzentriert eine Widmung mit Datum. Ich blätterte im Buch und war verblüfft. Trotz Augen-, Schulter- und weiteren Mühsalen schienen mir die Zeichnungen so perfekt geworden wie immer. Die Meisterschaft der Striche unbeeinträchtigt,  die Lust am Spott, der Röntgenblick, die Ironie wie auch die Selbstironie.

Ein Triumph, wahrlich. Draußen zog wieder ein Gewitter auf, langsam wurde es dunkler im Raum. Wir wechselten den Platz vom Tisch zum Fenster zur Gartenseite hin. Dort war nach der gestrigen erdrückenden Schwüle ein schweres Gewitter mit wolkenbruchartigem Regen und anschließendem Hagelschlag niedergegangen, den frischen grünen Rasen unter den Apfelbäumen weiß bedeckend für kurze Zeit.

Wir redeten noch weiter über die neuen Zeiten auf der Hungerburg, den Bauwahn, den Schilderwahnsinn - schier alles ist verboten und wird mit Verfolgung bedroht. Und dass sich jetzt Leute Häuser bauen um ihre roten Sportwagen herum. Und dass die weltbekannte Architektin zur Einweihung der Hungerburgbahn erstens alle Versammelten zwei Stunden lang warten ließ und dann auch noch, statt wie vorgesehen mit der neuen Bahn, per Taxi vorfuhr. Und dass die Station schon jetzt ein Desaster ist - die Fugen passen nicht und das extreme Klima befördert die rapide Alterung. Oh, Hohn: Mit schwarzem Klebeband werden die Fugen kaschiert!

Die zwei Stunden zugestandener Zeit waren fast vorüber, es blieben aber noch einige Minuten für das Fotografieren. Hinter meinem Sofaplatz war noch ein weiteres Fenster mit zugezogener Doppelgardine. Er wies amüsiert darauf. In der Mitte zwischen den Gardinenhälften, zu Dreiviertel verborgen, stand eine sehr hohe schwarze Holzskulptur. Ein abstrakter Rabe mit großem Schnabel? Oder ein rabenähnlicher Pestdoktor mit langer Kräutermaske vor der Nase oder halt ein  altösterreichischer Spion in Venedig? Alles Personal aus Floras Welterfindungen. Manchmal so düster und ahnungsvoll wie bei Kubin, den er über alles schätzte, elegisch wie bei Joseph Roth, der am besten beschrieb, was Flora beobachtend in seine Kreuzstriche zwang. Über allem aber die Heiterkeit des Weisen, mit skeptischer Menschenfreundschaft, und zuweilen beißender Schärfe.

Ein weiteres Buch erhielt ich noch vor dem Abschied, vom Dichter Norbert C. Kaser, dessen Talent er früh erkannte und dessen posthume Edition der verstreuten Arbeiten er nach Kräften betrieb. Auch das ganz typisch - einen großzügigeren Menschen habe ich nie wieder gesehen. Er betrieb das sehr diskret. In seinem 1975 beim lebenslangen Freund Daniel Keel erschienenen Buch "Hungerburger Elegien" hat Paul Flora im Vorwort eine Selbstbeschreibung erreicht, die seine ganze innere Verfassung deutlich macht. Als Fischer im Gestern und Heute, nicht wie Kubin, den er einen "Fischer im Drüben" nannte.