Lucien Favre weiß noch gar nicht, dass bald alles vorbei sein soll. Dass die Vorgesetzten schon an seiner Entlassung arbeiten, um 13 Uhr wird sie verkündet, auf einer Pressekonferenz, die Hertha BSC spontan einberufen hat. So hatte es die Rheinische Post gestern in ihrem Online-Dienst gemeldet: "Wirbel in der Hauptstadt: Schmeißt Hertha Favre heute raus?"

Der Fußballtrainer Lucien Favre trägt es mit Fassung. Er steht auf dem Fußballplatz und ruft und gestikuliert und gibt Anweisungen, typisch Schweizer, gearbeitet wird bis zum letzten Atemzug. Ein paar Minuten später zieht die Rheinische Post ihre Meldung zurück. Es gibt zwar eine Pressekonferenz bei Hertha BSC, aber ihr Gegenstand ist keineswegs die Entlassung von Lucien Favre, sondern ein Pokalspiel am Mittwoch beim TSV 1860 München.

Das ist eine kleine Blamage für die Reporter vom Rhein, aber bei Hertha BSC wird in diesen Tagen eben alles für möglich gehalten. Auch dass der Trainer, der noch vor ein paar Wochen der Liebling des deutschen Fußball-Feuilletons war, die Papiere bekommt.

Einen Frühling lang hat Lucien Favre die Bundesliga verzaubert. Ein charmanter Schweizer mit noch charmanterem französischen Akzent, der losgelöst von den Niederungen des Tagesgeschäfts über Balleroberung und Polyvalenz plauderte. Mit wenig Geld und viel Liebe zum Detail formte er die mittelmäßig besetzte Mannschaft eines früheren Skandalklubs zu einem ernsthaften Herausforderer für Bayern München, Werder Bremen und Bayer Leverkusen. Und ganz nebenbei lieferte Favre mit seinem Erfolg dem Verein auch noch einen Grund zur Trennung vom langjährigen und nicht unumstrittenen Manager Dieter Hoeneß, der sich entnervt aus Berlin zurückzog. Noch nie hat ein Trainer bei Hertha BSC so viel Macht besessen wie Lucien Favre. Allerdings ist auch noch keiner vor ihm in so kurzer Zeit so brutal abgestürzt. Niemand in Berlin träumt heute noch von der Meisterschaft. Immer mehr haben Angst vorm Abstieg.

Fußball war noch nie ein Spiel für die Zwischentöne. Im Stadion und auf dem Boulevard gibt es nur zwei Welten: die der Helden und die der Versager. Nirgendwo in Deutschland liegen diese beiden Welten so dicht beieinander wie in Berlin, der Kapitale der Neureichen wie der Hartz-IV-Empfänger. Es ist wohl kein Zufall, dass es hier auch für einen Fußballklub sehr viel schneller von der einen in die andere Welt geht.

Hertha war nie für Berlin, was Schalke 04 für Gelsenkirchen, die Borussia für Dortmund oder Werder für Bremen ist, nämlich eine Mannschaft für die ganze Stadt. Im Frühling hat Berlin seinen Klub ein paar Wochen lang geliebt, jetzt ist es drauf und dran, ihn wieder zu verstoßen. Am Montag, wenige Stunden nach einem unfassbaren 0:4-Debakel gegen den Aufsteiger Freiburg, titelte die Bild-Zeitung "Hertha, die Hauptstadt-Schande" und rechnete ab mit dem Mann, den sie vor ein paar Wochen noch als "Super-Hirnli" hofiert hatte: "Das ist das Letzte, Herr Favre!"

Nach außen gibt Herthas Trainer sich immer noch so charmant und freundlich wie in den für ihn auch sportlich sonnigen Frühlingstagen. Aber die kurzen Sätze, mit denen er vor ein paar Monaten sein Publikum entzückte, sie wirken jetzt auswendig gelernt. "Es ist schwer", "die Balleroberung war nicht gut", "wir müssen hundertprozentig bereit sein" – Favre sucht nach Erklärungen. Und findet doch nur Allgemeinplätze.