Gemessen an der Schwere ihrer Folgen war diese Entscheidung seines Lebens verblüffend leicht zu treffen: Gerd Gigerenzer, Banjo-Spieler in einer Dixieland-Band, verdiente als solcher ein Vielfaches seines kleinen Gehalts als Uni-Assistent. Wohin sollte er also sein Leben steuern?

Zwei Impulse spürte er damals. Erstens: Es ist ein schönes Gefühl, auf der Bühne zu stehen. Zweitens: Ich will im Leben das erforschen können, was ich für richtig halte. Der zweite Impuls schien ihm langfristig wichtiger, in der Unterhaltungsmusik muss man spielen, was andere interessiert. Ohne langes Abwägen, ganz ohne Pro- und Contra-Liste, fällte er diese Entscheidung mit einem einzigen guten Grund.

Längst hat er bewiesen, dass seine damalige Wahl die richtige war, und die Art, wie er sie traf, ebenfalls: nämlich schnell, sparsam und effizient. Gigerenzer ist Psychologe und Entscheidungsforscher geworden, er hat amerikanische Richter und deutsche Ärzte darin trainiert, wie sie zu besseren Entscheidungen kommen, und über die Jahre sei, so sagt er, eine gewisse Leichtigkeit in sein Leben gezogen. Er ist zu einem entscheidungsfreudigen Mann geworden. Vielleicht empfindet er sogar eine gewisse Freude darüber, dass es ja eben seine Forschung über Entscheidungen ist, die zu seinem wissenschaftlichen Ansehen, der öffentlichen Aufmerksamkeit an seiner Person, und über einige Umwege in dieses großzügige, büchergesäumte Direktorenzimmer im Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin geführt hat.

Wenn am heutigen Wahlsonntag aller Wahrscheinlichkeit nach wieder gut jeder vierte der dazu berechtigten Bundesbürger keine Wahl trifft zwischen Gelb, Grün, Schwarz, Rot, Braun oder Violett, könnte es sein, dass die Vermeidung einer politischen Entscheidung, die man sich angewöhnt hat, Politikverdrossenheit zu nennen, in Wahrheit Teil eines viel größeren Problems ist. Nämlich einer breit angelegten, ansteckenden Entscheidungsmüdigkeit, die droht, pathologisch zu werden, und die sich mitnichten nur auf die Politik bezieht.

Es gibt inzwischen Wissenschaftler, die zu belegen versuchen, die Summe der in der westlichen Welt geforderten Entscheidungen überfordere den Menschen. Der werde folglich depressiv. Aus der Wahl ist die Qual geworden, ein Leistungsdruck, überall wohlinformierte Entscheidungen zu treffen. Prokastination, Aufschub statt Entscheidung, heißt ein Krankheitsbild. Manche Menschen verlassen das Haus gar nicht mehr.

Sie haben die Wahl! Sagen Politiker, sagen Verkäufer, sagen Ärzte und inzwischen auch Bestatter. Wählen Sie aus unseren zehn Küchen Ihre individuelle Lösung! – Ist eine Auswahl aus zehn wirklich "individuell"? Wem dient diese Entscheidung? Diese Scheinentscheidung?

Zwischen der Wahl, ob man einen Menschen überhaupt und dann vielleicht sogar unter Wasser zur Welt bringen will, und dessen seit September verbrieftem Recht, mit einer Patientenverfügung auch über seine bevorzugte Todesart zu entscheiden, liegen betrübende, ernüchternde Unsummen von Entscheidungen ohne wirkliche Konsequenzen, aufgeladen mit Bedeutung von Leuten, die im Studium gelernt haben, wie man eine Entscheidung manipuliert. Tempo oder Softis? Man entscheidet ja dauernd, aber damit ist im Leben noch gar nichts entschieden. Latein oder Französisch, Arzt oder Tischler, Sport oder Fettabsaugen, Geld oder Leben, Satin oder Seide, Denise oder Sabine, Alice oder O2, Nuon oder Eon, Daimler oder Deutsche Bank?