Zuletzt war ja viel von Handschriften die Rede. Guido Westerwelle sagte auf der Bundespressekonferenz am Samstag mindestens drei Mal, dass der Koalitionsvertrag die "Handschrift der FDP" trage. Daraufhin konnten auf dem Parteitag in Berlin-Tempelhof fast alle FDP-Würdenträger diese Metapher bereits routiniert zum Besten geben.

Da wollte die CSU nicht nachstehen. Am Montagnachmittag auf ihrem Parteitag in München verkündete Parteichef Horst Seehofer nicht minder stolz, dass der Koalitionsvertrag deshalb so gut ausgefallen sei, weil er die "Handschrift der CSU" trage. Die hat man sich vermutlich blau-weiß und harmonisch-rundlicher vorzustellen als die zackig-dynamische, neongelbe der FDP.

Am Montagabend geht es dann wieder um Handschriften, diesmal um ganz konkrete. Die Unterzeichnung des Koalitionsvertrags steht an. Westerwelle und Seehofer wetteifern, wessen Schrift die schönere und größere ist. Die beiden sitzen an einem langen Tisch, links und rechts der Kanzlerin, und warten darauf, ihre Signatur unter den 132 Seiten umfassenden Vertrag zu setzen.

Westerwelle ist zuerst dran. Er zeichnet offenbar so große Ws und Es und Ls, dass für Seehofer kaum mehr Platz bleibt. Der meckert ein bisschen – und kritzelt dann mit grimmiger Miene drauf los, irgendwo halb zwischen, halb unter Merkel und Westerwelle.

Die Kanzlerin ist die Einzige, die an diesem Wochenende kein einziges Mal ihre Handschrift betont hat. Auch an diesem Abend hebt sie lieber die "Gemeinsamkeit" hervor, die die drei Koalitionsparteien in den kommenden vier Jahren, selbst in "schwierigen Zeiten", leiten soll. Im Rückblick auf die Koalitionsverhandlungen sagt sie, dass diese zwar "hart" und "ernst" waren, aber eben doch auch getragen von einer "Grundsympathie" füreinander. Stattgefunden haben sie, wie auch die Unterzeichnung des Vertrags an diesem Abend, meist in der nordrhein-westfälischen Landesvertretung in Berlin. Vor allem das gute Essen, hier in der Landesvertretung, werde sie vermissen, sagt Merkel. Davon könnte man "fast abhängig" werden.

Viele Christdemokraten indes sehnen sich nach einer eigenen Handschrift, viel mehr als nach rheinländischer Kost. Das wurde schon am Mittag auf dem Parteitag der CDU in Berlin deutlich, auf dem viele bemängelten, dass sich die CSU und vor allem die FDP in den Koalitionsverhandlungen über Gebühr durchgesetzt hätten.

Am Abend in der Landesvertretung ist das immer noch Thema. Ronald Pofalla, der auf dem Parteitag fast ohne Applaus aus seinem Generalssekretärsamt verabschiedet worden ist und nun Kanzleramtsminister wird, sagt, die CDU führe gerade "eine kritische Debatte". Das zeige, dass die Partei lebendig sei. Der Innenexperte Wolfgang Bosbach sagt, es nutze nichts, jetzt einzelne Stellen im Vertrag kritisch zu zerfleddern. Koalitionen erfordern nun mal "viele Kompromisse", so Bosbach, etwas griesgrämig.

Horst Seehofer haben die vielen Kompromisse in der Landesvertretung ebenfalls aufs Gemüt geschlagen, zumindest erweckt er eine Zeit lang den Eindruck. Kurz vor der Unterzeichnung des Vertrags steuert er eine Gruppe Journalisten an. "Wir unterschreiben heute nicht", raunzt er. Das habe er "in München" entschieden. Neben ihm steht eine junge Frau, die laut lacht, um zu zeigen, dass das ironisch gemeint ist.

Es ist Dorothee Bär, die stellvertretende CSU-Generalsekretärin. Überschwänglich ruft sie: "Wir sind die beste Partei!" Was sie damit meint? Von allen Koalitionsparteien erhielt der nun zu unterzeichnende Vertrag bei der CSU die wenigsten Gegenstimmen und Enthaltungen: nämlich keine einzige. Bei der FDP waren es fünf Enthaltungen, bei der CDU zwei. Daraus zieht die CSU an diesem Tag ihr Selbstvertrauen.