Dies ist kein Skandal. Es ging alles mit rechten Dingen zu. Und trotzdem.

Dirk Bonebold wählte in der Wahlnacht in Thüringen die Nummer seiner Frau in Berlin: "Der Drops ist gelutscht."

Stefan Stader rief in Köln spontan: "Ich eröffne eine Bar auf Sansibar, und wer mich besuchen kommt, kriegt die ersten Caipirinhas umsonst." Er konnte nur ulken, denn einen wirklichen Plan B hatte er nicht. Sein ganz persönliches Zittern in der Wahlnacht war überhaupt nicht vorgesehen, so komfortabel war der Stimmenabstand seines Abgeordneten zuvor gewesen.

Yvonne Mockenhaupt telefonierte ununterbrochen in dieser Nacht. Bist du noch dabei? In den Wahlkreisen auf dem Land sackte die Erkenntnis mit den ersten Prognosen tief. Eine Kollegin, die nichts mehr zu feiern hatte, trug ihren nutzlos kalt gestellten Sekt zu Stader ins Büro – sein Abgeordneter hatte es gerade doch noch geschafft. Sie war jetzt selbst kaltgestellt. Stader zappte sich noch in der Nacht durch den Videotext. Sie hatten bei der SPD fast alle Direktmandate verloren und insgesamt nur 23 Prozent gewonnen. Das war der Härtefall.

Sie alle, die in in dieser Nacht ihre Angehörigen verständigten, es kaum glauben konnten, es doch einsehen mussten, sind am Wahlabend nicht einmal Teil einer Tortengrafik im Fernsehen, und doch bestimmt der Ausgang der Wahl ihr Leben mindestens so dramatisch wie das der Abgeordneten selbst. Es sind die Mitarbeiter der Abgeordneten, deren Namen außerhalb des Bundestages keiner kennt, die allerdings die Maschine Bundestag am Laufen halten. Als die Menschen in den Wahllokalen noch ihre Kreuzchen verteilen, liegt längst ein versiegeltes Paket mit ihrer aller Namen bei der Arbeitsagentur Berlin Mitte: alle Abgeordnetenmitarbeiter, deren Arbeitsverträge automatisch zum Ende einer Legislaturperiode auslaufen. Sie dürfen die Meldefrist nicht versäumen, aber bis zu diesem Abend wissen sie ja noch nicht, ob sie wirklich arbeitslos werden oder nicht. Gerade noch war es undenkbar. Im Durchschnitt zittern pro Abgeordnetem allein in Berlin noch jeweils drei Mitarbeiter um ihre eigene Zukunft. Sie starren auf die Prognosen, machen am Telefon ein ungläubiges Gesicht. Schon um 18 Uhr ist ihr Leben auf den Kopf gestellt.

Die SPD hat 76 Sitze verloren, mehr als 200 Berliner Mitarbeiter aus der SPD-Fraktion würden sich also einen neuen Job suchen müssen, ab 1. November sind sie offiziell arbeitslos. Als gestern der neue Bundestag zu seiner konstituierenden Sitzung zusammenkam, hatten die Mitarbeiter ihre Büros schon für die Neuen geräumt. Sie besaßen die längste Zeit einen Hausausweis für den deutschen Bundestag, eine Casino-Karte, den Ausweis für die Parlamentsbibliothek und das Recht, ihre Kinder in den Bundestagskindergarten zu schicken.

Ein paar Tage vorher kann man den Mitarbeiter Dirk Bonebold – Personalausweis, Sicherheitsschleuse, "Sie werden abgeholt" – in seinem Büro im Jakob-Kaiser-Haus besuchen. Eine ganze SPD-Etage, deren Holzoptik von nun an der FDP ein warmes Gefühl geben wird. Er arbeitete für die Abgeordnete Petra Heß. Hinter Bonebold ragen Nägel aus der Wand wie aus einem Uecker-Kunstwerk, aber es ist nur die abgeräumte Wappenwand, an jedem Nagel hing das hölzerne Wappen eines Bundeswehrstützpunktes, den seine Chefin in den letzten vier Jahren besucht hatte. Verteidigungsausschuss.

Aber weil ihre ganz persönliche Verteidigungslinie in Thüringen zu einer Erneuerung ihres Direktmandats nicht mehr gereicht hat, ja nicht einmal der komfortable Listenplatz vier es noch herausreißen konnte, deshalb finden sich jetzt die Akten in Umzugskisten, die Regale gähnen leer, aber die Kaffeemaschine zieht noch Luft. Dirk Bonebold schnorchelt etwas Milch in zwei Tassen.

Bonebold sagt, jeder, der sich für diesen Job entscheidet, weiß im Prinzip, auf was er sich einlässt: Es kommen Wahlen. Alle vier Jahre. Der Job ist also höchstens für vier Jahre sicher, er endet automatisch zum Ende der Legislaturperiode. "Und wenn der Abgeordnete zwischendurch an einen Baum fährt, ist alles von heute auf morgen vorbei." So lauten die Verträge.