Um viertel nach acht läutet Horacio Rosas die Glocke. Hinter ihm geht fahl die Sonne auf, vor ihm, in den fünf Gattern, warten 73 Rinder darauf, versteigert zu werden. Klar durchschneidet der metallene Glockenton die kalte Morgenluft, Dampf steigt von den dunklen Leibern der Rinder auf, Dampf auch vor Horacio Rosas’ Mund, als er durchdringend ruft: „21 Jungbullen!“ Auf der Holzbrücke über den Gattern stehen Männer mit Schiebermützen und dicken Jacken. „Jeder Bulle 425 Kilo schwer“, ruft Rosas über Gehege 22, „Einstiegspreis drei Peso pro Kilo, drei, drei, drei, drei ...“ Einer der Männer mit den Mützen hebt die Hand. „3,10?“ fragt Rosas. „3,10! Die Bullen gehen an Don Chiche!“

Die Jungbullen waren Horacio Rosas’ beste Ware heute. Früh am Morgen, als es noch dunkel war, um kurz vor sechs, hatte er sich die Tiere angeschaut, die heute verkauft werden sollen. Neben den 21 Jungbullen standen 20 Kühe bereit, schwarzes Fell, jede um die 430 Kilo, nicht schlecht. Drei alte Zuchtbullen, „die haben ihre Aufgabe erfüllt“, murmelte Rosas. Und dann waren da noch 28 Kühe, ausgezehrt, spitze Knochen unter zotteligem Fell. „Corned Beef“, sagte Rosas trocken. „Oder Suppe. Mehr nicht.“

Horacio Rosas arbeitet als Auktionator auf dem größten Rindermarkt der Welt. Am Rand von Buenos Aires spannt der Mercado de Liniers sein Netz aus Gattern auf, mit 32 Hektar ist er so groß wie 23 Fußballfelder. Jede Woche werden hier 40.000 Rinder versteigert, seit über 100 Jahren richten sich die Rinderpreise in ganz Argentinien nach denen, die auf dem Mercado de Liniers erzielt werden. Und seit über 30 Jahren ruft Horacio Rosas hier zur Versteigerung.

60 Jahre alt ist Rosas, er trägt Stiefel und eine grobe Cordhose, und in dem Gewirr von Stegen, die wie Brücken über die 3000 Gehege des Marktes führen, kennt sich kaum einer so gut aus wie er. Wenn es gilt, mit Fremden die Wege zu überqueren, auf denen die Rinder getrieben werden, dann geht Rosas voran, um die Gefahr auszuloten. Das hat ihm sein Vater beigebracht, mit dem er sich früher einen Schreibtisch teilte. Und Rosas hat es seinem Sohn Mauricio beigebracht, mit dem er sich heute einen Schreibtisch teilt.

Horacio Rosas weiß mit einem Blick, ob ein Rind, das rund aussieht, viel Fleisch auf den Rippen hat oder nur viel Fett: Fleisch ist beweglicher Muskel, Fett dagegen ist hart. Rosas kennt das Fleischgeschäft. Natürlich, sagt er, habe es immer mal bessere und schlechtere Zeiten gegeben. Aber so kritisch wie jetzt, da ist er sicher, war es noch nie.

Der Nationalstolz der Argentinier lässt sich in zwei Worten zusammenfassen: Fußball und Fleisch. In beiderlei Hinsicht könnte das kommende Jahr, in dem Argentinien seinen 200. Geburtstag feiert, ein traumatisches werden. Die Gefahr, dass Messi und Maradona sich bei der WM in Südafrika blamieren, ist groß. Und als sei das nicht peinlich genug, könnte es passieren, dass Argentinien, wo auf 40 Millionen Menschen 55 Millionen Rinder kommen, wo in den 70er Jahren noch mehr Rindfleisch exportiert wurde als in irgendeinem anderen Land, dass Argentinien 2010 zum ersten Mal in großen Mengen Rindfleisch einführen muss. Rund drei Millionen Kälber werden im kommenden Jahr fehlen – und damit 600.000 Tonnen Fleisch.