Sind wir vereint?

Gegenfrage vorab: Geben wir nicht vor allem eine wunderbare Außendarstellung ab? Wir haben eine Frau als Kanzlerin, die das, anders als weiland Maggie Thatcher in England, niemals leugnet. Wir haben einen schwulen Außenminister, einen Rollstuhlfahrer in der Regierung, einen Minister mit, gut, adoptiertem Migrationshintergrund, in Gänze eine große integrative Optik. Gewiss, es fehlt das Joschka im Spiegel des Fortschritts der vergangenen 20 Jahre, das anarchische Prinzip, aber das hat sich verabschiedet und gibt jetzt in der Person seines Protagonisten als Partyhengst den Professor Unrat.

Aber bildet das Kabinett die Wiedervereinigung ab? Kein Ressortchef ist in der DDR geboren, den Osten repräsentiert lediglich die gebürtige Hamburgerin Angela Merkel. Man kann das als Beleg lesen, dass der alte Westen den Osten auch nach 20 Jahren als Übernahme begreift und sich punktuell rauspickt, was er zu glauben braucht: eine Kanzlerin, den Rotkäppchen-Sekt, Fußballspieler. Bleiben wir kurz beim Fußball: Weiß noch jemand auf Anhieb, woher unsere Jungnationalspieler kommen? Und spielt das noch eine Rolle, wie noch vor wenigen Jahren, als Michael Ballacks Führungsfähigkeiten bezweifelt wurden wegen seiner Erziehung im Kollektiv? Einerseits. Andererseits schafft es kein Ostklub in die Bundesliga, weil es an Wirtschaftskraft fehlt. Ähnlich verhält es sich in der Wissenschaft: wiedervereint, wenngleich es immer noch keine Exzellenzuniversität in den nicht mehr so neuen Bundesländern gibt. Zur Kultur. Um den Grad der Wiedervereinigung zu bemessen, eine kleine Quizfrage: Tatort, der aus Münster, wer ist der Ossi, wer der Wessi? Falsch. Es ist genau umgekehrt, Axel Prahl, der Kommissar, ist der Wessi und Jan-Josef Liefers, der Börne, ist der Ossi. Und darbende Kulturetats sind gerecht verteilt, da klagen die Kämmerer in Oberhausen wie in Altenburg, und sie jammern im Deutschland 2009, verglichen mit anderen europäischen Staaten, auf weiterhin extrem hohem Niveau. Was schließlich das Geschäft mit dem Osten angeht, die Ostalgie und die vermeintliche Sehnsucht nach dem Gestern und den FDJ-Hemden, so ist auch das nichts Trennendes, sondern entspringt der gleichen Melancholie, die den West-Berliner befällt, wenn die Flughäfen in Tempelhof und Tegel abgewickelt werden.

Sind wir freier?

Eine banale Frage? Aber ja. Deutschland 2009 hat in Gänze Mallorca gesehen, und wer es sich finanziell leisten kann, auch New York, Rio, Tokio. Und das nicht erst im vergangenen Jahr, von Anfang an ließ die Reisefreiheit die Welt bestaunen, und inzwischen dürfte es keinen westlichen Informationsvorsprung geben, wo sich die schönsten Strände finden und die beste Paella. Und auch der Ladenschluss hat seine Begrenztheit verloren und ist heute fast bei mediterranen Gepflogenheiten angekommen. Aber das ist nicht alles. Ist das nur ein Gefühl, dass Deutschland 2009 mehr Staat hat, als die alte Bundesrepublik je hatte? Der Staat mischt sich zunehmend ein, nicht nur bei Opel zur Rettung, sondern auch im Alltag des Bürgers. Wir haben jetzt Rauchverbote, Alkoholverbote, Internetbeschränkungen (das am Rande: natürlich ist Deutschland 09 auch ein digitales Land geworden, hängt süchtig am Handy, zappelt willensschwach im Inter- Netz, in den Zustand ist Ost und West und der Rest der Welt im Gleichschritt marschiert), wir, das heißt der Staat reagiert inzwischen reflexartig auf jedwede Phänomene mit Verbotsandrohungen. Zudem sind die Bürger dank der Technik weit transparenter geworden für den Staat, als es die Stasi je erreicht hätte. Bitte, nein, nein, keiner will die Ermittlungen der Finanzämter mit den Erschnüffelungen der Stasi gleichsetzen.