Mit einer Rede vor beiden Kammern des Kongresses am Mittwochabend versucht Barack Obama, die Handlungshoheit bei der Gesundheitsreform zurückzugewinnen. US-Präsidenten starten selten eine solche Inszenierung. Gewöhnlich ist der Auftritt vor den versammelten Mitgliedern von Abgeordnetenhaus und Senat der alljährlichen "State of the Union", der Rede zur Lage der Nation, vorbehalten.

Doch die Lage ist ernst. Kommentatoren meinen, Obama sei an einem Scheideweg seiner siebeneinhalb Monate jungen Präsidentschaft angelangt: Wenn es ihm nicht gelinge, die Debatte über eine Reform des Krankenversicherungssystems voranzubringen, die sein zentrales innenpolitisches Wahlversprechen war, werde er generell an Einfluss und Respekt verlieren. In der Folge werde es schwerer, auch für andere politische Anliegen Mehrheiten zu gewinnen.

Es war ein Sommer des Missvergnügens für Obama: Die Republikaner hatten sich im späten Frühjahr von ihrer Wahlniederlage im November 2008 erholt und testeten wiederholt die Verwundbarkeit des Präsidenten. Rechte Parteimitglieder probten in der Sommerpause bei "Townhall Meetings", einer Art großer, öffentlicher Bürgersprechstunden der Abgeordneten in ihren Wahlkreisen, den Frontalangriff.

Sie verhöhnten das Ziel einer allgemeinen Krankenversicherung als "Sozialismus" und verglichen Obama mit Hitler. Es kam zwar nur bei einer kleinen Zahl von Townhall Meetings zu solchen Entgleisungen. Aber da die Medien sich auf die wenigen hitzigen Begegnungen konzentrierten, gewann die dort vorgetragene Kritik am Präsidenten eine überproportionale Bedeutung im nationalen Stimmungsbild.

Plötzlich wurde auch die Popularitätskurve Obamas in anderem Licht betrachtet. Jeder Präsident verliert im Laufe seiner Amtszeit an Ansehen. Obamas Spitzenwerte lagen bei der Inauguration bei etwa 70 Prozent Zustimmung. In einzelnen Umfragen liegt er inzwischen unter 50 Prozent. Manche Kommentatoren werten das als dramatischen Einbruch, ein Kolumnist der New York Times schrieb gar, dies sei der tiefste Sturz eines Präsidenten seit Einführung der Demoskopie.

Sie verhöhnten das Ziel einer allgemeinen Krankenversicherung als "Sozialismus" und verglichen Obama mit Hitler

Das ist freilich übertrieben. Im Schnitt der Umfragen hatte Obama sein Amt im Januar mit 63 Prozent Zustimmung und 20 Prozent Ablehnung angetreten. Heute genießt er im Schnitt der Erhebungen 52,8 Prozent Zustimmung und 42,2 Prozent Ablehnung. Im Vergleich mit anderen Präsidenten zum selben Zeitpunkt ihrer Amtszeit ist das ein guter Wert. Auch der Rückgang der Popularität sieht im Licht dieser Zahlen nicht mehr dramatisch aus. Obama weiß jedoch, dass seine Anhänger nun einen Zwischenspurt von ihm erwarten.

Der Labour Day, ein Feiertag, der stets auf den ersten Montag im September fällt, markiert in den USA das Ende der Sommerpause. Obama war bereits eine Woche früher nach Washington zurückgekehrt – nach einem nur einwöchigen Urlaub auf der Insel Martha’s Vineyard. Öffentlich zeigte er sich kaum. Er beriet mit den Führungskräften der Demokratischen Partei die Strategie für den Herbst und feilte mit seinen Beratern an der Rede vor dem Kongress, die ihn wieder in die Offensive bringen soll.