Frage: Frau Wagenknecht, in der PDS waren Sie Außenseiterin, jetzt sollen Sie stellvertretende Parteichefin der Linken werden. Sind Sie zahmer geworden?

Sahra Wagenknecht: Nein. Die Verhältnisse in diesem Land sind so, dass man scharfe Oppositionspolitik machen muss. Da ist Zahmheit nicht angesagt, weder für mich noch für die Linke.

Frage: Gregor Gysi, der Ihren Aufstieg in die Parteispitze zwei Mal verhindert hat, lobt Sie als eine der intelligentesten Frauen der Partei. Haben Sie sich verändert – oder die Linke?

Wagenknecht: Die Partei ist nach links gerückt – durch die Vereinigung, durch Oskar Lafontaine, aber auch durch unsere vielen neuen Mitglieder, die den neoliberalen Einheitsbrei der anderen Parteien nicht mehr ertragen wollen. Wir formulieren eindeutiger antineoliberale Positionen, als die PDS das früher getan hat.

Frage: Gysi verlangt, dass Sie als Parteivize nicht mehr für die Kommunistische Plattform sprechen. Wird Ihnen das schwer fallen?

Wagenknecht: Meine Positionen werde ich weiter vertreten. Ich werde dafür streiten, dass sich die Linke der SPD nicht andient, sondern sie weiter vor sich hertreibt. Wir müssen den Kurs beibehalten, auf dem der Erfolg der letzten Jahre beruhte.

Frage: Halten Sie ein Linksbündnis in Nordrhein-Westfalen für möglich?

Wagenknecht:  Für die Linke ist eine Koalition nur denkbar, wenn bestimmte Bedingungen erfüllt sind: es darf keine Privatisierungen, keinen Personalabbau und keine Sozialkürzungen geben. Wenn die SPD einfach nur neoliberale Politik fortsetzen will, steht die Linke in NRW nicht zur Verfügung.

Frage: Das klingt nicht gerade regierungswillig.

Wagenknecht:  Ich finde Regieren großartig, wenn wir dadurch erreichen, dass wieder Politik für die Mehrheit gemacht wird. Nicht nur für die Reichen. Wenn wir 51 Prozent hätten und dies durchsetzen könnten, wäre ich sofort fürs Regieren.

Frage: Aber nicht, wenn Sie Kompromisse machen müssen?

Wagenknecht:  Wenn die Kompromisse so aussehen, dass man seinen Wählern ins Gesicht schlägt, nein. Das Problem ist doch: Für soziale Politik haben wir im Moment keine Partner. Die größten sozialen Untaten, unter deren Folgen die Menschen heute leiden – Hartz IV, Zerschlagung der Rente, Liberalisierung der Leiharbeit – hat die SPD in ihrer Regierungszeit zu verantworten. Das ist traurig, aber es ist so.

Frage: Sollte die Linke aus den Koalitionen in Brandenburg und Berlin aussteigen?

Wagenknecht:  Ich möchte eine Politik, bei der die Linke ihr Gesicht behält. Sie hat in Brandenburg die verdammte Pflicht, um jede Stelle im öffentlichen Dienst zu kämpfen – auch wenn im Koalitionsvertrag etwas anderes steht. Wir dürfen uns diese Sparlogik nicht aufzwingen lassen. Es gibt genug Geld. Dann muss Brandenburg halt eine Initiative zur Einführung einer Millionärssteuer starten. Und sich weigern, die unsinnige Schuldenbremse einzuhalten.