Wochenlang ist das Feuer unterwegs, genau 106 Tage, auf dem längsten olympischen Fackellauf aller Zeiten, denn das ganze riesige Land, das zweitgrößte der Erde immerhin, sollte etwas davon mitbekommen. 45 000 Kilometer waren es, und der Fackelträger auf einer der letzteren Etappen, am Tag 89 in Kelowna, war Ross Rebagliati, 38. Der hatte 1998 im japanischen Nagano die erste Goldmedaille im Snowboarden gewonnen und direkt – wenn auch nur vorübergehend – wieder abgeben müssen, weil in seinem Urin Spuren von Marihuana gefunden wurden.

In Toronto, 4000 Kilometer weiter Richtung Osten, spottete, als er davon erfuhr, ein Geschäftsmann: "In Vancouver leben sie eben in Lala-Land.“ Weil in Lala-Land viel möglich ist und wenig nicht verziehen wird.

Ein alternder kiffender Skaterboy also als Aushängeschild für die Winterspiele an der kanadischen Westküste, das wahrscheinlich größte Ereignis in der Geschichte der Stadt Vancouver – seit die Stadt 1886 vollständig niederbrannte?

Ross Rebagliati symbolisiert die junge Pazifikmetropole, hinter der praktisch nur noch Alaska kommt, und die mit den Spielen verbundenen Hoffnungen so gut, wie es wohl nur wenige andere Sportler getan hätten. Vancouver und der Rest Kanadas ticken unterschiedlich. Die einstige Goldgräber- und Holzfällersiedlung, die im Laufe des 20. Jahrhunderts zu einem der größten Umschlaghäfen des nordamerikanischen Kontinents heranwuchs, ist für viele die kanadische Version von Los Angeles und San Francisco in einem. Ein bisschen Hippie, ein bisschen Business, ein bisschen Show und ganz viel Sport, Strand, Berge, Spaß.

Und so hat sich der Goldmedaillengewinner von vor zwölf Jahren den Spaß gemacht, sich für die Olympischen Spiele in seinem Heimatland anzumelden. Und als er dann bei den Qualifizierungsrennen gegen 15-Jährige antreten musste und sich nicht durchsetzen konnte, hat er den Plan eben wieder aufgegeben. "In Kanada ist es nicht so einfach, aus der Rente zurückzukehren“, sagte er danach. Enttäuscht sei er aber nicht, "not at all“, er hätte es halt versuchen wollen. Und damit steht er für den Geist der Stadt.

Vancouver wird von seinen Bewohnern als zweierlei gepriesen: als reale Stadt – und als Idee. Hedonismus, Pragmatismus, kaum Konventionen, ein enges Verhältnis zur Natur, das mit einem manchmal rigoros wirkenden Hang zum Umweltschutz einhergeht, und eine große Leidenschaft für Outdoor-Aktivitäten. Von hier aus stachen 1971 die Umweltkämpfer einer neu gegründeten Organisation, die sich später Greenpeace nennen würde, auf dem Fischkutter Phyllis Cormack gegen die Atombombentests auf den Aleuten-Inseln in See, hier errichtete Eckhart Tolle, der aus Deutschland stammende New-Age- Guru, die Zentrale seines Spiritualitätsimperiums. In kaum einer anderen Stadt in Kanada und den USA wird so viel Müll getrennt und so wenig Treibhausgas pro Kopf in die Atmosphäre gepustet. Und in vielleicht keiner anderen Stadt ist das so vielen noch lange nicht genug.

Dass Kanada der fünftgrößte CO2-Emittent unter den Kyoto-Ländern ist, hält Ross Rebagliati für "ziemlich peinlich“. Der smarte Ex-Sportler mit dem Jungencharme engagiert sich seit einiger Zeit in der Politik, bei den Liberalen, Umweltschutz ist eines seiner Themen – und zur Politik kam er natürlich ganz auf Vancouver-Art, nämlich quasi nebenbei. Die Partei habe ihn mal eingeladen, erzählt er, man saß zusammen im Café, und als man sich trennte, hatte er zugestimmt, für seinen Wohnbezirk bei den nächsten Parlamentswahlen als Kandidat anzutreten.