Sich bloß nichts gefallen lassen, das ist eine der wichtigsten Maximen standesbewusster Politiker. So einer ist Peter Ramsauer, 56, der Bundesverkehrsminister. "Ich unterhalte mich normalerweise ja nur mit dem Chef, Herrn Mayrhuber", raunzte der CSU-Mann Lufthansa-Sprecher Klaus Walther an. Der hatte ihm vorgeworfen, der Bund sperre Flughäfen, ohne selbst Daten zur Vulkanasche zu besitzen und schade so den Fluglinien. "Nicht maßgeblich" sei, was Walther sage, giftete Ramsauer. Er werde jedenfalls kein Risiko eingehen, nur weil ihn die Branche unter Druck setze.

Wie kam es zu diesem Streit?

Bei den Managern der Fluggesellschaften, die nach dem Einbruch des Passagieraufkommens im vergangenen Jahr schon wieder auf dem Weg der Erholung waren, liegen die Nerven mit jeder Verlängerung der Luftraumsperrung mehr blank. Denn ein Großteil ihrer laufenden Kosten, etwa für das Personal, Verwaltung und Flughafengebühren, laufen weiter. Dass Flieger am Boden kein Kerosin tanken müssen, fällt gemessen an den Fixkosten kaum ins Gewicht. Zugleich steigt mit jedem Tag die Gefahr, dass zahlende Passagiere ihre Reise nicht nur verschieben, sondern auch ersatzlos stornieren. Der Weltverband der Fluggesellschaften, die IATA, bezifferte den Umsatzeinbruch der europäischen Gesellschaften auf 150 Millionen Euro pro Tag.

Allein für die Lufthansa schätzen Experten die Umsatzausfälle auf rund 20 Millionen Euro am Tag. Gleichwohl signalisierte der Marktführer den Aktienmärkten, dass das Problem noch beherrschbar sei. Der Konzern strebe weiterhin an, im laufenden Geschäftsjahr mehr Gewinn als im Vorjahr zu machen, rund 130 Millionen Euro. Aktienanalysten hatten zuvor Zweifel geäußert, dass dies gelingen könne. Und auch wenn die Lufthansa jetzt erste Flüge starten ließ, dürfte es noch Tage oder Wochen dauern, bis der Normalbetrieb wieder hergestellt ist.

Die IATA warf Europas Regierungen schwere Versäumnisse vor. "Der europäischen Wirtschaft entgehen Umsätze in Milliardenhöhe. Angesichts solcher Folgen ist es unglaublich, dass Europas Verkehrsminister fünf Tage gebraucht haben, um eine Telefonkonferenz zu organisieren", erklärte IATA-Chef Giovanni Bisignani. "Die Regierungen müssen dem Problem eine größere Dringlichkeit einräumen und sich darauf konzentrieren, wie und wann wir die Lufträume sicher wiedereröffnen können." Beim deutschen Flughafenverband ADV sprach man von einem "nie dagewesenen Ausnahmezustand" und forderte eine bessere Abstimmung bei der Luftraumöffnung in Europa. "Sonst droht noch mehr Chaos", sagte ADV-Hauptgeschäftsführer Ralph Beisel.

Kritik regte sich auch an mangelnden Tests. Am Montag startete ein Forschungsflug. Was kam dabei heraus?

Das Atmosphärenforschungsflugzeug "Falcon 20E" des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) ist mit speziellen Laserinstrumenten ausgestattet, um die Verteilung feinster Partikel in der Atmosphäre zu messen. Eines dieser Geräte "blitzt" in Richtung Erdboden und registriert, wie der Laserstrahl durch die Streuung an den Partikeln verändert wird. "Im Idealfall entsteht ein ’Datenvorhang’, der Größe und Gehalt der Teilchen bis zum Boden anzeigt ", sagt der DLR-Atmosphärenforscher Hans Volkert.

Nach knapp vier Stunden Flug landete die Maschine am Montagabend gegen 20 Uhr wieder auf ihrem Heimatflugplatz in Oberpfaffenhofen. Die Route führte bis in 12.000 Meter Höhe über Leipzig und Hamburg, dann weiter bis zur holländischen Grenze und über Stuttgart zurück. Dabei wurde die Wolke von oben vermessen, teilweise flog die sechsköpfige Crew auch in aschehaltigen Schichten, um weitere Messungen vorzunehmen.

Auf die Frage, wie dicht die Aschewolke ist, gab es aber zunächst keine Antwort. Zumindest keine, die Aussagen zur Wiederaufnahme des Luftverkehrs erlaubt hätte. Man habe sich zunehmend unter Druck gesetzt gefühlt, hieß es aus dem DLR. Die Wissenschaftler seien in eine Rolle gedrängt worden, noch am Montagabend eine Entscheidung herbeizuführen, ob Lufthansa und Air Berlin wieder fliegen dürften. Das sei aber Aufgabe der Behörden, an die die jetzt gesammelten Daten übermittelt werden. Eine Entscheidung über weitere Forschungsflüge soll am Dienstagmittag fallen.

Warum startete der Forschungsflieger erst am Montag?

Am vergangenen Freitag beschloss der Leiter des DLR-Instituts für Physik der Atmosphäre in Oberpfaffenhofen, Ulrich Schumann, den Forschungsflieger für die Suche nach Aerosolen auszurüsten. Doch das dauert. Denn die Messgeräte müssen eingebaut und beispielsweise vom Luftfahrtbundesamt abgenommen werden, berichtet Hans Volkert vom DLR. "Wir hatten sogar großes Glück, dass die Falcon nicht unterwegs zu einer Forschungskampagne ist, sondern gerade leer im Hangar stand." Sonst hätte der Umbau noch länger gedauert.

Den Vorwurf, sein Institut sei untätig, weist Volkert zurück. "Wir sind nicht die Feuerwehr, die bereit steht für den Fall, dass irgendwo etwas passiert." Die Entscheidung, den Routineplan umzustellen und die Falcon schnell für die Aerosolmessung auszustatten, gehe auf Eigeninitiative zurück. Und dies zeige, dass es an geeigneten Messverfahren fehle. "Es gibt in Mitteleuropa kein Monitoringsystem für Vulkanasche", sagt Volkert. Nach DLR-Angaben hat kein weiteres Forschungsflugzeug in Europa die Eruptionswolke in so großen Höhen studiert.

Was haben andere Messungen gezeigt?

Bereits seit Ende der vergangenen Woche wird die Eruptionswolke mit speziellen Lasersystemen erkundet. Anders als das Lidar-Instrument der Falcon, das über der mutmaßlichen Wolke fliegt, "blitzen" bodengestützte Systeme in den Himmel. Die Messprozedur ist die gleiche, und es gibt auch die gleichen Grenzen: dicke Wolken. Deshalb habe das Lasersystem des Hamburger Max- Planck-Instituts für Meteorologie (MPI) auch den ersten Teil der Eruptionswolke in der Nacht zu Freitag verpasst, sagt MPI-Forscher Stefan Kinne. Bis Freitagmittag wurde die Trübung immer stärker, was auf steigenden Partikelgehalt in der Atmosphäre verweist. Die Wolke war angekommen, zog in zwei bis sechs Kilometer Höhe über die Stadt. Am Sonnabend registrierten die Messgeräte des MPI einen deutlichen Rückgang. "Man darf nicht vergessen, dass es in der Atmosphäre weitere Schwebeteilchen gibt, die zwangsläufig mitgemessen werden", sagt der Forscher.

Sulfatteilchen, Ruß oder Staub sind immer vorhanden. "Wenn man diese Substanzen außer Acht lässt, dann ist der Gehalt der Aschepartikel am Sonnabend auf rund ein Fünftel des Werts von Freitag zurückgegangen." Auch in Garmisch-Partenkirchen, wo das Karlsruhe-Institut für Technologie ein solches Lasersystem betreibt, war der Gehalt der Vulkanasche am Wochenende sehr gering. "Wir hatten eher mit starker Trübung durch Feuer in Russland zu kämpfen", erklärt Thomas Trickl. Ein ähnliches Bild meldet Albert Ansmann vom Leibniz-Institut für Troposphärenforschung: "Seit Sonnabendmittag ist es klar und kaum Asche in der Luft." Derzeit ist relativ wenig Asche in der Atmosphäre über Mitteleuropa. "In der Nacht zu Mittwoch erwarten wir die nächste Aschefront", sagt Ansmann.

Wie wahrscheinlich sind Staatshilfen für die Luftfahrtbranche?

Die Börsen befürchten ernste Schäden. Luftfahrt-Aktien waren am Montag erneut die Verlierer auf dem Parkett. Schon ist von drohenden Pleiten die Rede. Schlimmer als der 11. September seien die Auswirkungen der Sperrungen, sagte EU-Verkehrskommissar Siim Kallas. Der Ruf nach Staatshilfen wird laut – selbst die FDP zeigt sich offen dafür: Sollte es zu gravierenden Auswirkungen durch den Vulkanausbruch kommen, müssten darüber Gespräche geführt werden, sagte Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle.

Denkbar seien verbilligte Kredite der Staatsbank KfW. Auch die EU- Kommission signalisierte, staatliche Hilfen für notleidende Flugunternehmen erleichtern zu wollen. "Wir sind bereit, ähnlich zu reagieren wie nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001", sagte EU-Wettbewerbskommissar Joaquín Almunia. Damals hatten vor allem die USA ihren Airlines massiv geholfen, weil die Zahl der Passagiere nach den Angriffen zurückgegangen war.

Der Münchner Luftfahrtexperte Peter Pletschacher glaubt, dass praktisch alle Gesellschaften in der nächsten Zeit nach Staatshilfen fragen werden – "und das ist auch legitim, da dieses Ereignis bisher nicht bekannte Dimensionen erreicht, die auch für profitable Unternehmen existenzbedrohend sein könnte", sagt Pletschacher. Der Bund soll Einzelfallprüfungen vornehmen, aber auch Firmen helfen, die vor dem Vulkanausbruch angeschlagen waren.

Doch der zuständige Minister Ramsauer ist dagegen. "Ich wehre mich gegen jeden Ruf an den Staat", sagte er. Mit solchen Risiken müsse die Branche eben rechnen. Zustimmung bekommt er von Winfried Hermann (Grüne), dem Vorsitzenden des Bundestags-Verkehrsausschusses. "Als es ihnen noch gut ging, haben die Fluggesellschaften auch keine Extra-Geschenke an den Staat verteilt", sagte Hermann dem Tagesspiegel. "Ein solches Risiko gehört eben zur Marktwirtschaft dazu." Die Branche halte sich ja auch bei der Besteuerung von Flugbenzin stark zurück, deshalb könne sie jetzt auch keine Hilfen erwarten.

Erschienen im Tagesspiegel vom 20.04.2010