Es ist der größte Gipfel, den ein US-Präsident seit mehr als sechs Jahrzehnten einberufen hat: 46 Staaten sind Barack Obamas Einladung gefolgt, über die vielfältigen Bedrohungen durch ziviles und militärisches Atommaterial zu sprechen – und wie sich die Welt vor einem nuklearen Terroranschlag schützt. Viele Gäste sind Staats- oder Regierungschefs. Die letzte noch größere Konferenz auf Einladung der USA diente 1945 der Gründung der Vereinten Nationen in San Francisco. Die Nachfolgekonferenz soll in zwei Jahren in Südkorea stattfinden. Viel ist zu analysieren und zu klären:

Von welchen Bereichen gehen nukleare Gefahren aus?

Vom militärischen und vom zivilen Bereich. Die größten Zerstörungen und die höchsten Todeszahlen wären zu erwarten, wenn eine Atomwaffe aus Versehen oder in einem gezielten Terroranschlag gezündet würde. Militärische Objekte sind freilich besser geschützt als zivile Nuklearanlagen.

Leichter wäre es für Terrorgruppen, an Plutonium, hoch angereichertes Uran oder Nuklearmaterial geringerer Konzentration aus den verschiedenen zivilen Anwendungen zu kommen, von der Atomkraft über Forschungsreaktoren bis zur Nuklearmedizin. Viele Tonnen davon werden jedes Jahr weltweit transportiert, zum Beispiel als Brennstoff für Kernkraftwerke und danach zurück zur Wiederaufarbeitung. Das Sicherheitsniveau ist höchst unterschiedlich. In Deutschland stehen diese Castor-Transporte unter intensivem Polizeischutz. Anderswo wird Nuklearmaterial in einem normalen Lkw durch den regulären Straßenverkehr gefahren, ohne bewaffnete Eskorten, die vor Überfällen schützen.

Das Gefahrenpotenzial dieser Stoffe ist unterschiedlich. Manche Länder benutzen für zivile Zwecke Plutonium und hoch angereichertes Uran, wie es für die Waffenproduktion nötig ist. Andere betreiben Reaktoren mit Brennstoffen, die nicht bombenfähig sind.

Selbst Material für medizinische Heilzwecke kann tödlich sein – wenn es für eine "schmutzige Bombe" missbraucht wird, deren strahlendes Material mit konventionellem Sprengstoff gezündet wird und die Umgebung verseucht. Experten verweisen auf einen Unglücksfall in Brasilien. Ende der 80er Jahre wurde ein radiologisches Gerät aus einem stillgelegten Krankenhaus gestohlen, um am Schrottwert des Metalls zu verdienen. Die Diebe waren sich der Strahlengefahr nicht bewusst. Mehrere Menschen starben, über 200 wurden verstrahlt. Häuser in der Umgebung mussten abgerissen werden.

Streben Terrorgruppen aktiv nach atomaren Stoffen?

Obamas Antiterrorexperte John Brennan sagt, die Geheimdienste beobachteten "seit 15 Jahren Versuche, an Atomwaffen zu gelangen" oder sich Plutonium oder hoch angereichertes Uran zu verschaffen. "Al Qaidas Interesse ist auch heute groß." Zudem haben Kriminelle verstanden, dass sie mit dem Diebstahl und Verkauf solchen Materials sehr viel Geld verdienen können.

Deutsche Fachleute nennen dokumentierte Einzelbeispiele für Schmuggelversuche hoch angereicherten Urans: 1994 wurden drei Kilo aus Russland sichergestellt. Zwischen 2003 und 2006 wurden mehrere hundert Gramm, ebenfalls aus Russland, beim Transport nach Georgien aufgespürt. 2004 wurde ein Tunesier mit 48 Gramm festgenommen.

Ein Anschlag mit einer schmutzigen Bombe hätte nicht die Zerstörungskraft einer Atomwaffe und würde nicht das grausame Symbolbild des Atompilzes über einer Großstadt wie New York, London, Moskau oder Delhi produzieren. Aber so ein Anschlag hätte, selbst wenn nicht viele Menschen sterben, große psychologische Folgen, könnte Massenpaniken auslösen und die Weltwirtschaft in eine Krise stürzen.

Welche politischen Schwerpunkte werden auf dem Gipfel gesetzt?

Die Auftaktdiskussion hatte das Ziel, die vielfältigen Gefahren ins Bewusstsein zu rücken. Die einzelnen Länder stellen unterschiedliche Befürchtungen in den Vordergrund. In den USA dominieren die Warnungen vor Atomwaffen. Erstens geht es um den Iran, der im Verdacht steht, nach Atomwaffen zu streben und die legale Anreicherung für die zivile Atomkraft als Vorwand zu benutzen, um sich bombenfähiges Material zu verschaffen. Zweitens kursiert die Sorge, dass Sprengköpfe aus Pakistan oder aus russischen Arsenalen in die Hände von Islamisten geraten.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) betont das Gefahrenpotenzial niedrig strahlenden Materials, weil das Bewusstsein dafür heute gering sei. Die Schweiz, die wie Deutschland keine Atomwaffen besitzt, nennt den militärischen Bereich als größte Gefahrenquelle. Bundespräsidentin Doris Leuthard kritisiert, es gebe weder weltweit bindende Sicherheitsstandards für das Militär noch Transparenz. Sie verlangt, dass zusätzliche Schutzmaßnahmen im zivilen Bereich das Recht auf die friedliche Nutzung der Kernenergie nicht einschränken dürfen. In der Schweiz gibt es keine starke Anti-Atomkraftbewegung wie in Deutschland.

Gibt es bereits Lösungsansätze?

Es gibt weit reichende Ideen und erste kleine Schritte. In zwei Abschlussdokumenten verpflichten sich die Teilnehmer, alles zu tun, damit nukleares Material innerhalb ihrer Länder unter sicherem Verschluss ist und vor kriminellem oder terroristischem Zugriff geschützt wird. Genannt wurde eine Frist von vier Jahren. Als drittes Land nach der Ukraine und Kanada erklärte Mexiko seinen Verzicht auf waffenfähiges Uran.

In bilateralen Gesprächen mit Obama boten einzelne Gäste praktische Schritte zur Lösung in Einzelbereichen an. Chinas Präsident Hu zeigt die Bereitschaft, schärfere UN-Sanktionen gegen den Iran mitzutragen. Das sei auch Folge des Schocks über den Imageschaden, den China beim Klimagipfel in Kopenhagen erlitten habe, meinen Beobachter. Die Ukraine erklärt ihre Bereitschaft, ihr hoch angereichertes Uran innerhalb von zwei Jahren abzugeben.

Der Gipfel will zudem einen Anstoß geben, das internationale Recht und die Institutionen gegen die neu erkannte Gefahr zu stärken. Im Mai steht bei der Uno die Überprüfung des Atomsperrvertrags an. Viele Teilnehmer wollen auch die Inspektionsrechte der Atomenergiebehörde IAEO ausweiten und manche wollen dem Internationalen Gerichtshof zusätzliche Kompetenzen übertragen.

Experten schlagen einen internationalen Fonds vor, der armen Ländern bei der Sicherung ihres Nuklearmaterials und bei der Entsorgung von Stoffen hilft, die nicht mehr gebraucht werden. Ähnliche Programme zur Vernichtung des atomaren Erbes der Sowjetunion gelten als erfolgreiches Vorbild. Manche Fachleute meinen, man müsse auch zivile Brennstoffe der nationalen Souveränität und der Privatwirtschaft entziehen und eine internationale "Atombank" einrichten, die alle spaltbaren und damit gefährlichen Stoffe kontrolliert.

(Erschienen im Tagesspiegel vom 14. April)