Kurz vor Schluss kommt aus Block G ein letztes Lebenszeichen. Block G ist ein aufmerksam von Ordnern bewachter Verschlag der Leverkusener Bayarena, in den sich die Fans von Hertha BSC zwängen. Gut 2500 sind es, und einer von ihnen wirft einen Böller auf den Platz, er brennt ein großes Loch in den schönen Rasen und verursacht einen so lauten Knall, der auch Tote zum Leben erwecken könnte. Für Hertha BSC aber reicht es an diesem Samstagnachmittag nicht mehr.

Ein paar Minuten später ist Schluss. "Hey, das geht ab, die Hertha steigt heute ab!", singen die Leverkusener Fans. Der Stadionsprecher weist die Gäste darauf hin, dass am Bahnhof Leverkusen- Mitte der Sonderzug nach Berlin wartet, aber keiner will jetzt gehen. Dieser Nachmittag ist auch für die harten Jungs ein besonderer, denn so oft steigt man nicht aus der Bundesliga ab. Ihnen geht die Zwangsversetzung in die Zweite Liga so nahe, dass sie sogar vergessen, ihren Lieblingsfeind Artur Wichniarek bei dessen Einwechslung auszupfeifen. Als ein paar Minuten später alles vorbei ist, brüllen sie: "Zweite Liga – scheißegal!", sie klatschen und warten darauf, dass die Mannschaft vorbeikommt und sich verabschiedet.

Es kommt: niemand.

Arne Friedrich, der Kapitän, steht bei der Sky-Reporterin, und seine Sätze sind jetzt auch in Berlin, bei Hanne am Zoo, zu hören. Wenn man sie denn hören will. Hans Weiner, den alle Hanne nennen, gehört definitiv nicht dazu. Er sitzt auf einem Barhocker am Rande des Stammtischs, seine Frau hat ihm zum Trost von hinten die Arme um die Schultern gelegt. Doch Trost gibt es nicht.

Weiner stiert ins Leere. Er kratzt sich mit dem Finger am Augenwinkel. Früher war er ein beinharter Vorstopper, der die gegnerischen Stürmer bekämpft und beackert hat, in diesem Moment aber kämpft er nur gegen sich – und gegen die Tränen. Heulen könnte er. Ende des Jahres wird Weiner 60, eigentlich kennt er sich ganz gut, aber jetzt hat er sich noch einmal selbst überrascht. Dass Herthas Abstieg ihm so nahegehen würde, das hätte Weiner nie gedacht.

In Leverkusen wissen die Spieler nicht recht, was sie mit sich anfangen sollen. Theofanis Gekas, der Grieche, der kurz vor Schluss das Siegtor auf dem Fuß hatte, stemmt die Hände in die Hüften und schüttelt den Kopf. Die Brasilianer Cicero und Raffael kauern auf dem Rasen. Nur Arne Friedrich hat sein Trikot mit René Adler getauscht. Alle anderen behalten ihr blau-weiß gestreiftes Leibchen an. Es ist eine letzte Geste des Stolzes, vielleicht auch der Scham über diesen wohl überflüssigsten Abstieg aller Zeiten.

Hanne Weiner trägt ein himmelblaues Hertha-Polohemd von einem längst verflossenen Hauptsponsor. Sieben Jahre hat er für den Verein gespielt, ehe er 1979 nach 218 Bundesligaspielen zu den Bayern wechselte. Gleich im ersten Jahr wurde Weiner mit Bayern Meister, Hertha stieg ohne ihn in die Zweite Liga ab. Es war der zweite von jetzt fünf Abstiegen.

Am Tag vor dem Spiel in Leverkusen saß Weiner noch seelenruhig in der Passage vor seiner Kneipe. Er las den Sportteil der BZ und wartete auf die Besatzung eines Reisebusses. Sein Sohn Dennis, 25, stürzte aus der Tür und riss beim Laufen die Arme in die Luft. "Hertha gewinnt!" rief er, dann stieg er zu einem Freund ins Auto und fuhr nach Leverkusen. Weiner lächelte. Ein Passant blieb bei ihm am Tisch stehen. "Und, Hanne …?", fragte er. Wenn Hertha das noch packen würde, "das wär’ doch das Ding".