Er ist ein Mann, dem man starke Nerven nachsagt, der nicht leicht aus der Ruhe zu bringen ist. Aber kurz hinter Eisenhüttenstadt, wo unten am Ufer schon die ersten Keller unter Wasser stehen, bei einer seiner täglichen Kontrollfahrten über den Deich, wird selbst Rainer Speer nachdenklich. Zur Linken sieht er aus dem Autofenster diese urgewaltige Oder, Wasser, so weit das Auge reicht, Baumkronen, die herausragen. Zur Rechten die Wiesen hinter dem Deich, sie sind schon überschwemmt. „Es drückt ganz schön durch“, sagt Speer.

Es, das Wasser der Oder, das sich gurgelnd und gluckernd wehrt, sich in kein Flussbett mehr zwängen lassen will und in den vergangenen Tagen kontinuierlich anschwoll, bis die Behörden in Teilabschnitten die höchste Hochwasseralarmstufe ausriefen. Dann ging es schnell. Innerhalb einer Minute stieg das Wasser nun um mehrere Zentimeter. Die Flutwelle, die nach starken Regenfällen schon Tschechien, Ungarn und Polen unter Wasser setzte, ist in Brandenburg angekommen.

Doch vor Speers Autofenster herrscht keine Gefahr, zwei Meter sind es bis zur Deichkante. Weiter flussaufwärts aber steht auf sechs Kilometern noch der alte Deich, einen Meter niedriger. Ein Meter. Der könnte alles bedeuten.

Speer ist als Innenminister von Brandenburg der Mann, der – zuständig für den Katastrophenschutz – den Hochwassereinsatz koordiniert. Und er ist engster Vertrauter von SPD-Regierungschef Matthias Platzeck, der auf dem Rückweg ist aus dem Urlaub. Speer versucht, überall zu sein. Er hat sich in einem Hotel in Frankfurt einquartiert, sein Basislager, wenn er nicht vor Ort an den Deichen ist.

In der Nacht war er auf der anderen Seite im polnischen Slubice, das noch gefährdeter ist, weil die polnischen Schutzwälle schlechter sind. Er ist mit seinem Rad rübergefahren, das er extra mitgenommen hat. „Ich muss ja beweglich sein“, sagt er und denkt an die Welle, die sich von Ratzdorf nach Frankfurt durch den Fluss schiebt, zu seiner engsten und am dichtesten besiedelten Stelle, die ihn anschwellen lassen könnte zu einer großen Flut.

Sie könnte, muss es aber nicht. Die Welle hat ihre eigenen Gesetze. Aber niemand kennt sie ganz genau.

Rainer Speer telefoniert pausenlos. Mit dem Krisenstab in Potsdam – und mit Matthias Freude, dem Chef des Landesumweltamtes. Der steht am Donnerstagmittag auf einem anderen Deichabschnitt, einem neuen nahe Ziltendorf. Wäre das Wasser nicht so bedrohlich, fast könnte die Szenerie idyllisch sein. Vier Entenfamilien kämpfen gegen die Strömung, auf dem unter Wasser stehenden Sportplatz gehen Störche auf die Jagd nach Fröschen.