Will ist nervös. Und ein bisschen sauer. Hastig zieht er an seiner Zigarette, rückt die grüne Umhängetasche auf seiner Schulter zurecht. Der Trenchcoat, den er trägt, wirkt eine Nummer zu groß. Aber das ist egal. Hier geht es nicht darum, gut auszusehen, hier geht es darum, gut anzukommen. Das ist ein Kampf, Wahlkampf. Will weiß nicht, sein wievielter es ist, aber er hat immer wieder dasselbe Motto: "Wir gewinnen, egal, wie schwierig die Ausgangslage ist."

Und sie ist schwierig. Das rote Gesicht des hageren großen Will verfärbt sich dunkelrot. Denn ihm fehlt etwas. "Wo ist der Kandidat?", ruft er unentwegt der kleinen Gruppe in der Churchill Gardens Road, Westminster, mitten in London zu. Handzettel soll der Kandidat verteilen. Will ist nur zur Unterstützung dabei. Aber der Kandidat, er muss passen an diesem Londoner Samstagvormittag, kurzfristig. Denn der Mann, um den es geht, hat gleich zwei andere Jobs: Er ist Pflichtverteidiger für Menschen, die sich keinen Anwalt leisten können, und er ist Popstar. Für die meisten Menschen ist Letzteres natürlich interessanter, als einem Jungen in Essex auf einer Polizeiwache beizustehen. David Rowntree findet das nicht.

"Es ging um Diebstahl", sagt er später in einem Café in Liverpool Street, einem großen Londoner Bahnhof. Seinen Namen kennt man von den Rückseiten berühmter CDs. "Dave Rowntree: Drums" steht da, neben den Namen seiner Bandgefährten. Damon Albarn, Graham Coxon und Alex James, besser bekannt als Blur. Erst im Sommer haben sie vor fast 200 000 Fans im Hyde Park zwei Konzerte gegeben. Müsste Rowntree da nicht die Rettung für Labour sein, die Partei, die an Popularität verloren hat wie sonst keine?

Jetzt, im Café, ist vom Nachhall jubelnder Menschenmengen nichts zu spüren. Einen entkoffeinierten Kaffee schlürft Rowntree, isst eine Banane. Er wirkt müde und abgekämpft, Falten ziehen durch sein Gesicht. Ansätze eines Bierbauchs sind erkennbar, die rötlichen Haare immer weiter auf dem Rückzug. Aber er wirkt ausgeglichen. "Ich kann helfen, etwas im Kleinen bewegen, und das ist gut, das hilft mir selbst", sagt er. Massen bewegt er als Musiker. Antreiber kann er als Schlagzeuger sein. Dann ist er Dave. An diesem Samstag aber ist er David und kümmert sich nur um einen einzigen Menschen – in einer Zelle. Er will nicht als Popstar gewählt werden.

Dennoch, dass Rowntree, 45 Jahre alt, hier sitzt, hat mit zwei wichtigen Koordinaten der britischen Kultur zu tun: Labour und Britpop. Das war einmal eine wichtige Verbindung, an der auch Blur, vier Kunststudenten aus der Nähe von London, ab 1989 mitgewirkt haben. Sie gewannen Preise, verkauften Millionen Platten, mit verschrobenen, ironischen Songs über das britische Leben. Das Land war geprägt von der eisernen Hand Margaret Thatchers, von den Streiks der Gewerkschaften. Resignation und Frustration lasteten auf allem. Dann kamen Bands wie Blur und Oasis aus Manchester und erklärten ihre Heimat zum neuen Schick. Positiv sahen sie die Welt – und vor allem britisch. Britpop war geboren.

David Rowntree kann mit dem Begriff nicht viel anfangen. Er runzelt die mit Sommersprossen gesprenkelte Stirn. Es habe eben zwei gute Bands gegeben, und dann wurde gleich eine ganze Bewegung daraus gemacht. In der Tat verwandelte nicht allein die Musik Großbritannien plötzlich in einen angesagten Ort. In der Kunst sorgte Damien Hirst mit seinem in Formaldehyd eingelegten Hai für Aufregung. Der Fußball kehrte mit einer Europameisterschaft in sein Heimatland zurück. Die Wirtschaft boomte wieder. Und die von Tony Blair in New Labour umgetauften Sozialdemokraten übernahmen die Macht. "Cool Britannia", sagt auch Rowntree, "das hat es gegeben." Die vielen kulturellen Phänomene hätten aus England "für einen langen Moment ein optimistisches Land gemacht. Dieses Gefühl hat New Labour über drei Wahlperioden getragen."

Geblieben ist von dieser Liaison am Ende vielleicht nur eine Flasche Gin. 1995 wurde Blur-Sänger Damon Albarn ins Parlament eingeladen. Zum Gedankenaustausch. Tony Blair sollte er treffen. Was denn los sei, in der Szene, soll Blair den Sänger gefragt habe. Und der referierte über den unglaublichen Erfolg britischer Musik. Was genau Blair von ihm wollte, wusste Albarn wohl auch nicht. Etwas irritiert schnappte er sich eine Flasche Gin aus dem Salon des House of Parliament und zog ab. Fotos gibt es von dem Treffen nicht, nur Gerüchte. Das reichte Blair, das reichte Labour. Es ging darum, im Gespräch zu sein, zu zeigen: Britpop ist cool, Britannien ist cool, Blair ist cool.