Immer wieder kommt ihm diese Szene in den Kopf: Kirsten Heisig vor dem Fernseher im Londoner Pub während der Fußball-Europameisterschaft vor zwei Jahren. Wie dieses Energiebündel hochsprang, jubelte oder die Spieler auf dem Rasen bei jedem Fehlpass wild kritisierte. „So jemand bringt sich doch nicht um“, sagt Heinz Buschkowsky: „Schon gar nicht während der Fußball-Weltmeisterschaft.“

Der Neuköllner Bezirksbürgermeister kann einfach nicht glauben, dass es sich bei der am Sonnabend im Tegeler Forst gefundenen Frauenleiche tatsächlich um die Jugendrichterin Kirsten Heisig handelt. „So jemand bringt sich doch nicht um“, sagt er noch einmal, „jedenfalls nicht vor dem Argentinien-Spiel“. Es klingt trotzig, ratlos. Dann erzählt er.

Wie er Kirsten Heisig vor ein paar Jahren kennenlernte, als sie nach einer Diskussionsveranstaltung auf ihn zukam und sagte: „Lassen Sie sich bloß nicht beirren. Sie haben völlig recht. Ich kann Ihnen das alles aus meiner Praxis bestätigen.“ Da hatte Buschkowsky mal wieder über die sozialen Verwerfungen in seinem Kiez berichtet, über Jugendgewalt, über das Desinteresse von Einwanderer-Familien an Bildung, über Integrationsverweigerung. „Als Jugendrichterin kam Kirsten Heisig an Menschen ran, die unsere Sozialarbeiter nie erreichten“, sagt Buschkowsky. „Wer gelangt schon hinter die Wohnungstüren von arabischen Clan-Familien? Sie wusste, wie die ticken.“

Es war dieses Wissen, das Kirsten Heisig antrieb, sich zu engagieren. „Wenn wir die Jungs nicht rechtzeitig abholen, landen sie wie ihre Väter im Gefängnis“, sagte sie oft. Und wurde fuchsteufelswild, wenn ihr ein 15-Jähriger entgegnete: „Knast macht Männer, sagt Mama.“

Gerade weil sie diese Erfahrungen zur Realistin werden ließen, engagierte sie sich für das sogenannte Neuköllner Modell, für eine schnellere Verurteilung jugendlicher Täter – nicht, um sie abzustrafen, sondern, um ihnen zu helfen. Deshalb ging sie nach einem langen Verhandlungstag in Elternabende, um den Müttern und Vätern ins Gewissen zu reden. Deshalb brachte sie Unruhe in das manchmal recht behäbige und elitäre Justizsystem.

„Sie war morgens Richterin und abends Sozialarbeiterin“, sagt Buschkowsky: „Das haben ihr jene Kollegen, die nur Exekutor sein wollten, nie verziehen. Und gerade in der Startphase des Neuköllner Modells verhielten sich Justiz und Polizei ihr gegenüber distanziert. Manche versuchten sie auch richtig in die Pfanne zu hauen.“

Wenn Kirsten Heisig dem Neuköllner Bezirksbürgermeister dann erzählte, dass sie manche Kollegen schnitten und sie am Mittagstisch oft allein saß, nickte der: So sei das eben, wenn man ausgefahrene Gleise verlasse und andere in ihrem gewohnten Trott störe.