Die braunen Locken aus dem Gesicht gekämmt, die Hände zwischen den Oberschenkeln vergraben, sitzt Nadja Benaissa regungslos da. Sie sieht verletzlich aus, fast wie ein Opfer. Der voll besetzte Saal blickt auf die 28-Jährige. Gleich soll sie ihren großen Auftritt am Mikrofon haben. Diesmal ohne Scheinwerferlicht und laufende Kameras. Diesmal nicht vor schmachtenden Teenagern, sondern vor schwarzen Roben, deren Träger ein ernstes Gesicht machen.

Denn Nadja Benaissa, der No-Angels-Sängerin, Popstar aus Deutschlands erfolgreichster Mädchenband, wird seit Montag im Darmstädter Amtsgericht der Prozess gemacht. Es geht um einen Skandal an der Grenze von Leben und Tod. Die Sängerin soll zwischen 2000 und 2004 mit drei Männern Sex ohne Kondom gehabt haben, obwohl sie wusste, dass sie HIV-positiv ist.

Nadja Benaissa verweigert den Auftritt. Sie reicht für ihr Geständnis das Mikrofon weiter. Ihr Anwalt Oliver Wallasch liest vor, was sie zu Gehör bringen will. 20, vielleicht 30 Sätze. "Ich habe es nie gewollt, dass meine Intimpartner infiziert werden."

"Ich dachte, es gibt eine Mitverantwortung der Partner. Doch ich muss einräumen, dass dies ein großer Fehler war." Die Sängerin in der hochgeschlossenen lila Bluse schweigt und nickt. Sie schlägt die Augen nieder, verknotet die Finger im Schoß. Sie habe sich auf die Aussagen der Ärzte verlassen, heißt es weiter. Die hätten ihr erklärt, dass das Risiko einer Drittinfizierung aufgrund ihrer niedrigen Viruslast sehr gering sei. "Ein Ausbruch von Aids war nicht zu erwarten und ist es auch jetzt nicht."

Die Diagnose "positiv" war ihr bekannt seit einem Routinetest im Jahr 1999, damals war sie im dritten Monat schwanger. Ihren Partnern hat sie von der Infizierung nichts gesagt. Nun wird ihr vorgeworfen, vorsätzlich einen der Männer angesteckt zu haben. Die Anklage lautet auf gefährliche und versuchte gefährliche Körperverletzung. Da Benaissa beim ältesten Tatvorwurf aus dem Jahr 2000 erst 17 Jahre alt war, muss sie sich vor einem Jugendschöffengericht verantworten.

Als der Anwalt geendet hat, das Geständnis gehört wurde, fängt die Angeklagte dann selbst an zu reden. Erzählt auf richterliche Fragen hin im Schnelldurchlauf von ihrem Leben, von den Extremen, die sie durchgemacht hat.