Wahlkampfzeiten nennt man in den USA silly season . Die Leute – und keineswegs nur Berufspolitiker – machen dann Dinge, die sie bei nüchternem Nachdenken besser unterlassen hätten. Präsident Barack Obama tut sich und der Kontroverse um den Bau einer Moschee nahe Ground Zero mit seinen widersprüchlichen Äußerungen nichts Gutes. Wochenlang hatte er geschwiegen, als der Streit in New York eskalierte und dann ins Land ausstrahlte, weil einige Republikaner darin ein nützliches Wahlkampfthema sahen.

Am Freitag wurde er bei einem Essen zu Ehren des islamischen Fastenmonats Ramadan grundsätzlich: Muslime in Amerika genössen wie andere auch das Recht auf freie Religionsausübung; dazu gehöre der Moscheebau. Tags drauf relativierte er seine Aussage. Er habe nur über das Prinzip gesprochen. Die Weisheit dieses speziellen Projekts wolle er nicht beurteilen, nur zwei Blocks entfernt von dem Ort, wo 3000 Menschen starben, als islamistische Terroristen Flugzeuge in die Türme des World Trade Centers steuerten.

Im Prinzip ja, aber kein klares Wort zur praktischen Anwendung? Das ist feige. Seine Beweggründe sind kein Geheimnis. Viele Parteifreunde fürchten, dass ein unbedingtes Ja den Demokraten bei der Kongresswahl im November schadet. Erstens lehnen 68 Prozent der Bürger den Bau ab. Er sei eine Zumutung für die Opfer von 9/11, denn die Attentäter hatten behauptet, im Namen des Islam zu handeln. Zweitens belebe die Einmischung des Präsidenten Ressentiments gegen seine Person. Ein Drittel der Amerikaner glaubt, dass er ein verkappter Muslim sei. Doch wenn solche machtpolitischen Erwägungen den Ausschlag geben, hätte Obama weiter schweigen sollen.

Tatsächlich eignet sich gerade diese Moschee für die prinzipielle Debatte: Was kann der Westen tun, um in der muslimischen Welt nicht als Feind wahrgenommen zu werden? Die Symbolik des Orts und die Wucht der Emotionen sind einerseits eine Erschwernis. Andererseits zwingen sie aus denselben Gründen zu klaren Bekenntnissen. Unter den 3000 Ermordeten an 9/11 waren auch etwa 50 Muslime. Das geplante Mahnmal in der Moschee kann die dort Betenden daran erinnern, wer ihre wahren Feinde sind: nicht Amerika, sondern radikale Islamisten. Das ist auch die Lehre der jüngsten Studie der Vereinten Nationen über die zivilen Toten des Kriegs in Afghanistan. Drei Viertel sind Opfer von Anschlägen oder gezielter Ermordungen durch al-Qaida und Taliban; nur ein Viertel sind Opfer von Luftangriffen und anderen militärischen Operationen der Nato und der afghanischen Streitkräfte.

New Yorks Bürgermeister Michael Bloomberg wirbt für die Moschee. Sie zeige der Welt, wie Amerika wirklich sei: offen für Menschen aus aller Welt und tolerant. Muslime in den USA sind besser integriert als anderswo im Westen. Sie sind überdurchschnittlich gebildet und wohlhabend. Es gibt kaum Kontroversen um Kopftücher oder Sprachdefizite der Kinder wie in Deutschland oder Frankreich. Wenn der Präsident Muslime ins Weiße Haus einlädt, um den Ramadan zu ehren, spiegelt das die nächste Etappe der Gesellschaftsgeschichte. Vor 50 Jahren bedurfte es ähnlicher Gesten, um Katholiken und Juden das Gefühl zu geben, dass sie dazu gehören. Damals sah sich Amerika als protestantisches Land. Heute ist die Herausforderung, die USA nicht als jüdisch-christliche Nation zu betrachten, die Muslime nur duldet.

Warum findet der Protest gegen den Moscheebau so viel Unterstützung? Viele Bürger sind frustriert. Toleranz soll keine Einbahnstraße sein. In Amerika darf man Moscheen bauen, aber in der islamischen Welt keine Kirchen. Die USA und ihre westlichen Verbündeten opfern Soldatenleben und Steuermilliarden, um Muslimen gegen ihre radikalislamischen Unterdrücker zu helfen, aber ernten mehr Kritik als Dank. Der Moscheebau in New York ist dennoch richtig – aus Prinzip und in der Praxis. Es ist ein Weg, der Welt Amerikas Offenheit zu zeigen. Es kann freilich mehr als eine Generation dauern, ehe die islamische Welt ihre Vorurteile gegenüber dem Westen überwindet. 

(Erschienen im Tagesspiegel )