Frage: Professor Zimmermann, was hat Sie bewogen, in der Historikerkommission zum Auswärtigen Amt (AA) mitzuarbeiten?

Zimmermann: Ich befasse mich seit langem mit der Geschichte des Dritten Reichs, des Antisemitismus und speziell der deutschen Juden. Ich bin auch sonst an gemeinsamen Forschungsprojekten mit deutschen Kollegen beteiligt. Für einen Historiker ist dieses Projekt eine interessante Herausforderung. Das Auswärtige Amt ist eben ein Beispiel für die Zusammenarbeit des "anständigen" Bürgertums mit der NS-Politik, was für mich ein Schlüsselthema ist. Als Jude deutscher Herkunft ist das Thema für mich umso interessanter.

Frage: Was ist für Sie das Kernergebnis der Kommissionsarbeit?

Zimmermann: Dass auch der angeblich "anständige" Mensch – Beispiel Auswärtiges Amt – die Grenzen des Anstandes leicht überschreiten kann, wenn die Grundregeln sich ändern. Es reicht aus, dass man ein wenig undemokratisch, ein wenig rassistisch, ein wenig antisemitisch ist, um auf den Weg der Radikalisierung zu kommen, wo man nicht mehr haltmachen kann, weil das Bewusstsein korrumpiert ist. Umso mehr, wenn man Karrierist ist, was im Staatsdienst ja eine große Rolle spielt.

Frage: Ist das bisher so nicht bekannte Ausmaß der Verstrickung des AA in die nationalsozialistischen Verbrechen für Sie eine Überraschung?

Zimmermann: Historiker lassen sich schwer überraschen. Aber man ist darüber verwundert, dass viel von dem, was bereits bekannt war – schon seit dem Wilhelmstraßen-Prozess 1947/49 – wieder in Vergessenheit geriet. Da macht die Geschichte des AA keine Ausnahme. Für den Historiker sind die Mechanismen des Vergessens genauso interessant wie die Mechanismen der kollektiven Erinnerung. Außerdem ist die "Verstrickung" nicht das einzige Thema – erstaunlich ist vor allem, dass die Mittäter von vor 1945 nach 1951 meist problemlos weitermachen konnten und der Aufschrei dagegen marginal blieb.