Frage: Heute vor 20 Jahren haben Sie, Herr von Weizsäcker, als damaliger Bundespräsident um null Uhr vor dem Deutschen Reichstag die Wiederherstellung der deutschen Einheit erklärt. Wie war Ihnen in dieser herbstlich kalten Vollmondnacht zumute?

Richard von Weizsäcker: So wie den vielen Menschen, die mit mir dort standen oder sich vor dem Reichstag versammelt hatten, bis hinein in den Tiergarten. Uns alle erfüllte der Gedanke, dass mit diesem Ereignis der Kalte Krieg zu Ende ging und ein Europa begann, das zwar aus postklassischen Nationalstaaten besteht, aber den Weg zu einer gemeinsamen Stimme sucht. Es ging darum, die Vereinigung unseres Landes mit dem Ziel zu vollenden, zum Frieden und Zusammenwachsen Europas beizutragen.

Frage: Nach 20 Jahren ist dieser Akt der Wiedervereinigung Geschichte. Was bedeutet er Ihnen heute? Was sollte er uns Deutschen insgesamt bedeuten?

Weizsäcker: Dank unserer Vereinigung, als Mitglied der EU und des Transatlantischen Bündnisses, leben wir heute zum ersten Mal in unserer Geschichte in Frieden mit allen unseren neun Nachbarn. Das ist ein historisches Glück und zugleich eine große Verantwortung für uns.

Frage: Aber erinnert der ganze Vorgang im Rückblick nicht auch an die Ballade vom Ritt über den Bodensee? Da erschrickt der Ritter, weil ihm plötzlich bewusst wird, dass er über den vereisten See geritten ist. Inzwischen öffnen sich die Archive und belegen, mit welchen Risiken der Einheitsprozess zu tun hatte.

Weizsäcker: Das war doch kein Ritt über das Eis! Vielmehr hatten wir von Westdeutschland aus einen führenden Anteil daran, den Kalten Krieg Schritt für Schritt durch eine Ost-West-Entspannungspolitik zu entschärfen. Wir bedurften für das Ziel der Vereinigung der Zustimmung der Siegermächte des Zweiten Weltkrieges und unserer Nachbarn. Das ist Schritt für Schritt gelungen. Aus Amerika gab es maßgebliche Unterstützung. Schwer war es für Gorbatschow. Aber es half, dass es ihm darum ging, Fortschritte der Abrüstung zwischen Ost und West zu erzielen. Die Briten, zumal Premierministerin Thatcher, waren nicht begeistert, aber sie stellten sich auch nicht in den Weg.

Frage: Und die Franzosen, mit denen die Bundesrepublik immer eine enge Zusammenarbeit gesucht hatte?

Weizsäcker: Zwischen Frankreich und der Bundesrepublik waren wir einig, die Europäische Union zu festigen und zu stärken. Charles de Gaulle und Konrad Adenauer hatten Grundsteine gelegt. Kanzler Helmut Schmidt und Präsident Valérie Giscard d’Estaing arbeiteten auf demselben Weg voran. Helmut Kohl, immer ein zutiefst überzeugter Europäer, verstand es, sich mit François Mitterrand näherzukommen. Mitterrand hatte seinerseits klare historische Perspektiven vor Augen. Er war schließlich davon überzeugt, dass kein Weg an der Vereinigung Deutschlands vorbeiführen würde. Kohl wurde auf diesem Weg zum Kanzler der Einheit.

Frage: Zweifellos eine bedeutende diplomatische Leistung, aber haben wir nicht vor allem auch Glück gehabt?

Weizsäcker: Es war nicht Glück, es war nicht nur eine diplomatische, sondern eine große historische Leistung und zwar durch eine planmäßige Entspannungspolitik. Sie hatte schon mit dem sogenannten Harmel-Plan Ende der 60er Jahre begonnen. Sie führte zur Gipfelkonferenz 1975 in Helsinki. Es entstanden freie Räume für Bürger mit ihren friedlichen Zielen. In Prag war es Vaclav Havel mit seinen mutigen politisch-kulturellen Schritten. In Polen kam es zur Solidarnosc-Bewegung von Lech Walesa. Sie hat entscheidende Beiträge zur Entspannung und damit auch zur deutschen Vereinigung geleistet. So entstand auch die Bürgerbewegung innerhalb der DDR. Sie wuchs aus kleinen Anfängen heraus zu ebenso machtvollen wie vollkommen friedlichen Demonstrationen. Ihre Ruhe wurde zu ihrer Stärke, bis schließlich am 9. Oktober 1989 70.000 Demonstranten in Leipzig für Recht und Freiheit warben. Gorbatschow hatte das Eingreifen sowjetischer Truppen gegen diese Aufmärsche verhindert. Der Weg zur friedlichen Revolution wurde unumkehrbar.

Frage: Wir ernteten also in der Wiedervereinigung die Früchte eines Veränderungsprozesses, der weit zurückreichte …

Weizsäcker: Das ist meine Überzeugung. Aber noch einmal: Wir hatten gleichzeitig Gorbatschow, dessen weltpolitische Linie darauf abzielte, die vorher vorherrschende beiderseitige Aufrüstung zwischen Ost und West in ihr Gegenteil zu verwandeln.

Fotostrecke: Wo das Gras über den Schutzwall wächst © Martin Langer

Frage: Sie haben am 3. Oktober 1990 gesagt, nun komme es darauf an, "die Alltagssorgen ins rechte Verhältnis zu bringen mit unserer Herkunft und Zukunft in Europa". Haben wir dieses "rechte Verhältnis" gefunden? Hört man die Klagen über den Stand der Einheit, kann man das bezweifeln.

Weizsäcker: Das sind zwei unterschiedliche Ebenen: Wie steht es mit der Einheit zwischen den beiden Teilen Deutschlands und wie mit unseren Aufgaben und Verantwortlichkeiten in Europa? Im Inneren gibt es auf der einen Seite große Fortschritte. Wir haben gelernt, was es heißt: Wer sich vereinigen will, muss teilen lernen. Das ist in eindrucksvoller Weise geschehen. Die Straßenverhältnisse, die Bahn- und Fernmeldeeinrichtungen, die Fortschritte auf dem Gebiet des Umweltschutzes geben ein positives Zeugnis ab. Auch wirtschaftlich gibt es wahrhaft eindrucksvolle Erfolge. Andererseits ist aber die Arbeitslosigkeit in den östlichen Bundesländern nach wie vor deutlich zu hoch. Dazu hat auch die Abwanderung vor allem aus der jungen Generation nach Westen beigetragen. Ein Bürgermeister in der nördlichen Uckermark schilderte mir Entwicklungen, Erfolge und Probleme. Zwischendurch sagte er: "Ich bin 37 Jahre alt und einer der jüngsten Männer im Dorf."

Frage: Das ist ein Preis der Vereinigung, den man sich – wie andere Folgen, die Deindustrialisierung alter Wirtschaftsregionen oder das Aufkommen rechter Umtriebe – bei der Vereinigung so nicht hat vorstellen können. Ist er zu hoch?

Weizsäcker: Die Vereinigung lag tief in den Wünschen der allermeisten Deutschen in beiden deutschen Staaten. Aber wir haben vielfach nicht angemessen vorausgesehen, welche gewaltigen Schwierigkeiten dieser Prozess mit sich bringen würde. Und vor allem: Wir hatten nur wenig Zeit! Denn wir bedurften der Zustimmung von Gorbatschow. Doch er stand kurz vor seiner Abberufung.